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Modernes Szenario für gutes altes Schlauspiel

Oberst a.D. Nguyên Quí Hai - vom vietnamesischen Kriegshelden zum kulturellen Multitalent

Nguyên Quí Hai (Mitte) in Hanoi im Kreis alter Kampfgenossen aus dem Befreiungskrieg.
Nguyên Quí Hai (Mitte) in Hanoi im Kreis alter Kampfgenossen aus dem Befreiungskrieg.

Er schreibt Romane und produziert Dokumentationen. Er war ein Held im Befreiungskrieg, komponiert heute Popsongs und dreht Soap Operas. Nguyên Quí Hai ist ein Multitalent, seine Energie scheint unerschöpflich, und das ist um so erstaunlicher, als dieser Mann, der in Vietnams Hauptstadt Hanoi wohnt, immerhin schon seinen 80. Geburtstag gefeiert hat.

Der Hamburger Arzt Nguyên-Chi Quang erklärt Kindern das neue »Cò Tu Lênh«.
Der Hamburger Arzt Nguyên-Chi Quang erklärt Kindern das neue »Cò Tu Lênh«.

Da würden es die meisten wahrscheinlich etwas langsamer angehen lassen. Ganz anders dieser quirlige Oberst a.D., der sich zu seinen sonstigen Projekten jetzt noch eine weitere Aufgabe gestellt hat: Er möchte das ehrwürdige Schachspiel entstauben und wieder spannend machen für moderne Kids, die sich normalerweise lieber online vernetzen und im virtuellen Raum ihre Battles per Mouseclick austragen.

Dass ein Medienmensch wie Nguyên Quí Hai als neues Thema ausgerechnet Schach entdeckt, mag nur Nichtvietnamesen überraschen. Tatsächlich genießt der mentale Wettstreit um Sieg und Matt in der südostasiatischen Nation ein hohes Ansehen. In Hanoi ist eine Pagode dem legendären Brettstrategen Dê Thích geweiht. Und zum Programm des Neujahrsfestes Têt, das nach dem aktuellen Mondkalender auf den 23. Januar 2012 fällt und das Jahr des Wasserdrachen einleitet, werden Partien im Großmaßstab inszeniert: auf öffentlichen Plätzen von Darstellern in historischen Kostümen und Uniformen. Wobei sich die Akteure allerdings nicht nach den Regeln des internationalen Standardschachs bewegen, sondern die Züge der chinesischen Sondervariante »XiangQi», vietnamesisch: »Cò Tuóng«, farbenprächtig choreographisch umsetzten.

Vor diesem Hintergrund wird es eher plausibel, dass sich Nguyên Quí Hai nun zusätzlich dem Schach widmet. Wobei er zugleich auch ein pädagogisches Anliegen verfolgt: »Schach schult das Gehirn und stärkt die Willenskraft«, sagt Nguyên Quí Hai im nd-Gespräch. »Und gleichzeitig weckt Schach auch das Interesse an historischen Entwicklungen.«

Das Schlauspiel als Nachhilfe im »Gähnfach Geschichte«, das viele Schüler von Herzen hassen?!

Ein solcher Nebeneffekt würde sich bei der in Europa üblichen altväterlichen Schachversion mit Holzminiaturen auf schwarz-weiß karierten Feldern nicht aufdrängen. Ein Szenario, das Nguyên Quí Hai unter dem Namen »Cò Tu Lênh« - beim Patentamt Hanoi angemeldet als Nummer 3283 - indes radikal verändert hat: Ein Fluss teilt verfeindete Territorien und mündet in eine Meereszone, auf der auch Schiffe operieren.

»Der Spielplan mit seinen insgesamt 132 Positionen spiegelt die Topographie meiner Heimat wieder«, erläutert Nguyên Quí Hai sein Konzept. Es schließt selbstverständlich persönliche Erfahrungen ein. 1975 zog der damalige Artillerieoffizier mit Hanois siegreichen Truppen in Saigon ein, nachdem er 1972 schon in Quang Tri gekämpft hatte. Den militärhistorischen Erfahrungen von Nguyên Quí Hai gemäß sind bei »Cò Tu Lênh« auf den Piktogrammen der runden Spielsteine auch Flugzeuge symbolisiert.

Ein Stilbruch, der die elegante Dynamik des Schachspiels aushebelt, das ein Marcel Duchamp gar als »kinetische Kunst« gefeiert hat? »Nein», meint Nguyên Quí Hai, »das traditionelle Schach ist in seiner Zeit entstanden, reflektiert die Vergangenheit. Wir aber leben in der Gegenwart und sind unterwegs in die Zukunft, das ist die Realität, und das Cò Tu Lênh will darauf eine mögliche Antwort geben.

Nguyên Quí Hai glaubt an das jüngste Werk aus seiner Ideenschmiede. Und tatsächlich hat der zwischen Hanoi und Saigon rastlos Kreative, der in Vietnam ohnehin Kultstatus genießt, wieder mal einiges Aufsehen erregt. Das Fernsehen hat ihn ausführlich interviewt, und sogar der allseits respektierte Elder Statesman Lê Kha Phiêu, Generalsekretär der KP im Ruhestand, hat sich »Cò Tu Lênh« in einer Privataudienz von dem Spielerfinder vorführen lassen.

Damit nicht genug: Gerade hat Nguyên Quí Hai einen Schachsong aufnehmen lassen, demnächst weltweit abrufbar via Youtube. Passend zur Aufbruchsstimmung, die vom Wasserdrachen in dessen Jahr 2012 verbreitet wird: Let's go »Cò Tu Lênh«, im Tigerstaat Vietnam wird auch an der Zukunft des Schachspiels gearbeitet.

Weitere Informationen zur modernisierten Schachversion »Cò Tu Lênh« aus Vietnam, insbesondere die Regeln in englischer Sprache (etwas nach unten scrollen): haiduongblog.wordpress.com/giải-tri/

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