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Die Seele und der Staat

Die Romantik-Diskussion in der DDR war ein Streit über die Klassik

Die Romantik gehörte und gehört unter Linken zu den umstrittenen Epochen. Erweiterte sie die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten oder zerstörte sie die von der Klassik erreichten Standards? War sie Befreiung von moralisierenden Zwängen oder katholische Reaktion? War sie die kulturelle Variante der Französischen Revolution auf deutschem Boden oder muss man in ihrer nationalistischen Aggressivität eine Vorform des Faschismus sehen? Für alle Lesarten gibt es Anhaltspunkte, und die klügsten Gegner der Romantik haben ihr oberflächlich Ungreifbares als den Punkt gewählt, von dem aus sie eine Charakteristik gewannen.

Am 9. November hat Heidi Urbahn de Jauregui in der »jungen Welt« einen Artikel über Heinrich von Kleist als Romantiker veröffentlicht. Georg Lukács und vor allem Peter Hacks folgend, stellt sie Kleist als einen politischen Reaktionär dar, dessen entgrenztes Gefühl sich ins Blutdürstige gesteigert habe. Folge seien Dekadenz und Präfaschismus.

Peter Hacks zu nennen bedeutet auch, die Romantik-Diskussion in der DDR zu nennen. Viele der wichtigsten Schriftsteller beklagten in der 1970er Jahren, die Romantik werde kulturpolitisch kleingehalten. Christa und Gerhard Wolf, Franz Fühmann, Günter Kunert, Heinz Czechowski - die Liste ließe sich problemlos verlängern. Auch Urbahn de Jauregui geht auf diesen Streit ein, der ohne Hacks’ Intervention zugunsten einer sozialistischen Klassik ohne Gegenüber verlaufen wäre.

Martin Hatzius hat im »neuen deutschland« vom 26./27. November geantwortet. Seine Position lässt sich so zusammenfassen: Erstens war die Romantik-Diskussion eine Verarbeitung unbefriedigender Zustände in der DDR. Zweitens war Hacks ein gefühlstumber Verstandesmensch und folglich unzuständig, die Sache zu beurteilen, denn drittens braucht man, um Politik zu verstehen, das Seelische und also, viertens, die Romantik. Davon seien Nr. 1 und 3 zugebilligt, Nr. 2 und 4 bestritten.

Denn wie hätte Hacks wirksame Dramen schreiben können, hätte er die Ebene des Gefühls grundsätzlich beiseitegelassen? Von den Romantikern trennt ihn, dass er auch das Subjektive begreifen und in Form fassen wollte. Hatzius zitiert aus einem Brief Hacks’ vom Februar 1990: »Ich besitze keine Seele und gestatte Keinem, meinen Krankheiten seelische Ursprünge unterzuschieben«. Es ist die Zeit, in der die DDR untergeht, und damit der Staat, auf den bezogen Hacks sein gesamtes gültiges Werk geschaffen hat. Unübersehbar zielt er darauf, angesichts der Niederlage Haltung zu bewahren; nicht zu wimmern, die Klage in wenige Worte zu fassen, auch in schwieriger Lage Person zu bleiben.

Dies überhaupt ist die Position der Klassik. Hatzius hat ja Recht: Politik und überhaupt das Zusammenwirken von Menschen sind auch von Irrationalem geprägt. Doch um dies zu verstehen, braucht man keine Romantik. Wonach Hatzius verlangt, das wussten schon Aufklärung und Empfindsamkeit. Bei Goethe, bei Schiller, viel später bei Hacks - in den Dramen wie auch in den Essays - finden sich psychologische Einsichten auf fast jeder Seite. Der mit Goethe befreundete Karl Philipp Moritz gab sein »Magazin zu Erfahrungsseelenkunde« seit 1783 heraus, lange bevor von Romantik überhaupt eine Ahnung bestand.

Klassik und Romantik sind sich einig, dass Gefühle wichtig sind. Die Differenz besteht in der Frage, ob das Subjekt ein Ich bleibt, das sich selbst und seine Stellung in der Gesellschaft immer besser begreift. Die romantische Antwort besteht in der Empfehlung, sich bedenkenlos dem Ansturm des Unbegriffenen zu überlassen und dann mal zu schauen, ob irgendetwas Brauchbares dabei herauskommt.

Kleist, dies nebenbei, war ein viel zu guter Dramatiker, als dass er seine Werke nicht sorgsam konstruiert hätte. Seine Personen können reflektieren, handeln bewusst und geraten manchmal gerade darum ins Unglück. Als Dramatiker ist Kleist weniger romantisch als Jauregui und Hatzius meinen - darum haben sich, unter allen Stücken von Romantikern, nur seine auf der Bühne durchgesetzt.

Bleibt Hatzius’ erster Punkt: die Romantik-Diskussion als Reaktion auf Verhältnisse in der DDR. In der Sache ist das unbestritten, in der Wertung nicht. Es lohnt daher, einen genaueren Blick darauf zu werfen, wie die Romantik eingesetzt wurde.

Interessant ist zunächst, wann gestritten wurde. Im Januar 1976 trug Fühmann zum 200. Geburtstag E.T.A. Hoffmanns an der Akademie der Künste der DDR vor, im Juni antwortete Hacks am selben Ort mit einem Angriff auf Friedrich Schlegel, dessen Verfahrensweisen und Positionen er als stellvertretend für die ganze Romantik sah. In den folgenden Jahren erschienen dann in dichter Folge die wichtigsten literarischen Bezugnahmen auf die Romantik, vor allem Christa Wolfs »Kein Ort. Nirgends« von 1977.

Das alles kam ein wenig spät. Die Literaturwissenschaft war schneller gewesen - seit 1970 hatten Forscher wie Claus Träger oder Hans Georg Werner einen differenzierten Blick auf die Romantik eingefordert, was dann zu einer recht abgewogenen Darstellung im 1978 erschienenen 7. Band der »Geschichte der deutschen Literatur« führte. Bereits 1974 war der eigentlich beinahe abgearbeitete Editionsplan der »Bibliothek deutscher Klassiker« erweitert worden, auch um eine Reihe von Romantiker-Ausgaben. Das 1978 publizierte Arbeitsheft der Akademie der Künste zur Romantik-Diskussion beinhaltet dann eine beeindruckende Liste von in der DDR gedruckten romantischen Werken.

Die Romantiker waren 1975/76 nicht verboten, sie wurden gedruckt und gelesen, freilich: Sie waren kein kulturpolitisches Leitbild. Liest man erst Goethe, dann Tieck, erst Schiller, dann Novalis, so versteht man auch, warum. Es ist eine Frage des ästhetischen Werts.

Allerdings beziehen sich die Roman-tik-Verteidiger nur bedingt auf die Romantik. Überfliegt man das Inhaltsverzeichnis des erwähn-ten Arbeitshefts, so fällt der Schwerpunkt auf zwei Dichter ins Auge, nämlich auf Hölderlin und Kleist. Der erste wird kaum je zur Romantik gezählt, die Zugehörigkeit des zweiten ist umstritten. Man kommt dieser Debatte nur schwer mit literarhistorischen Kriterien bei.

Schaut man auf den Gesamtbestand der Texte in der DDR, so zeigen sich vielmehr drei Gemeinsamkeiten der favorisierten »Romantiker«: im Leben unglücklich, früh tot oder doch wenigstens wahnsinnig, zudem von Goethe nicht gemocht. Offensichtlich sprach man über Romantik unter Absehung von der Romantik, jedenfalls von den meisten ihrer wichtigen Vertreter.

Es fehlen etwa: Tieck, der alt wurde und eine klassizistische Wendung nahm; die Brüder Schlegel, die alt und katholisch wurden; Novalis, der jung starb, aber trotzdem christlich wurde; der politisch wendige Staatstheoretiker Adam Müller. Kurz, es fehlen alle, die sich etablierten, die im Überlebensfalle sich mit der Restauration nach 1815 und Zensur anfreundeten. Kein Wunder war es, dass sich Hacks den Friedrich Schlegel vornahm, über den Fühmann und Kunert und Gerhard und Christa Wolf zu schweigen vorzogen.

Die Identifikation mit den Verlierern, auch wenn diese wie Kleist an den zeitgenössischen Kriegen nur zu kritisieren wussten, dass diese nicht blutig genug waren, zeigt die Entschlossenheit, sich auch in der Gegenwart gegen die bestehende Macht zu wenden. Die Akzente sind im Detail unterschiedlich gesetzt. Hoffmann erscheint bei Fühmann als Analytiker einer spezifisch deutschen Untertanenmentalität, die er bis in seine Gegenwart als herrschend ansieht. Christa Wolf setzt ihren Unmut auf einer allgemeineren Ebene an und lässt ihre Helden und Heldinnen unter Patriarchat und instrumenteller Vernunft leiden. Gemeinsam ist ihnen und den anderen Freunden der Romantik, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, für den Goethe figuriert.

Diese Gegnerschaft war nicht zufällig. Sie richtete sich nicht gegen einen erstarrten Klassiker-Kult, sondern tatsächlich gegen die Klassik selbst. Der Streit ging zunächst nicht um politische Inhalte (die Romantik-Verteidiger hoben die politische Fortschrittlichkeit der Romantik hervor). Er ging zuallererst um eine politische Haltung: War es an der Zeit, das eigene Gefühl zum Mittelpunkt der Welt zu erklären, oder war die Subjektivität mit der notwendig unvollkommenen Welt zu vermitteln? Aus dieser Entscheidung ergab sich dann freilich der Inhalt.

Christa Wolf war nicht mit allem in der DDR einverstanden, und Peter Hacks war es auch nicht. Natürlich störten sie sich an unterschiedlichen Dingen - aber jedenfalls sagten es beide. Unterschiedlich war die Konsequenz. Die schon in »Nachdenken über Christa T.« formulierte Frage: »Wann, wenn nicht jetzt?« führte schließlich dazu, sich von einem unvollkommenen sozialistischen Staat zu verabschieden. Hacks dagegen akzeptierte, wie Goethe, die Trennung zwischen Ideal und Wirklichkeit und machte sie zu einer der Grundlagen seiner klassischen Dramatik. Darum verteidigte er, über das Jahr 1990 hinaus, den unvollkommenen Staat als den immerhin aussichtsreichsten Versuch, dem Ideal näherzukommen.

Und darum seine Entschlossenheit, angesichts der politischen Niederlage nicht doch noch zum jammernden Seelenkranken erniedrigt zu werden. Zwischen der klassischen und der romantischen Haltung ist keine Vermittlung möglich; Übereinstimmungen in der politischen Praxis können vorkommen, sind aber zufällig.

Hatzius fordert am Ende seines Beitrags, Hacks sowohl wie Kleist zu spielen. Man soll es, beide sind große Dramatiker. Man soll aber wissen, was man tut, und auf der Bühne zeigen, dass man es weiß.


Wunder oder Wunden?

Weiterführende Aufsätze auch zur Romantik-Rezeption in der DDR und zum Klassik-Konzept des Peter Hacks enthält der Band »Schriftsteller und Gesellschaft« von Klaus Werner (Neisse Verlag 2011, 242 S., 28 €). Zudem befasst Werner sich darin mit deutschsprachiger Literatur aus Rumänien. In seinen klug analysierenden Essays zur DDR-Literatur und deren westlicher Wahrnehmung polemisiert der Autor doppelt: »einerseits gegenüber dem vormundschaftlichen Realsozialismus [...], andererseits gegenüber munter und unbedarft kursierenden Stereotypen und erfahrungsferner Deutungshoheit über ostdeutsche Geschichte und Literaturgeschichte«. Über den Klassik-Romantik-Streit der 1970er ist bei Klaus Werner zu lesen:

»Wie Goethe von den Romantikern wollte sich Hacks auch jetzt noch von seinen schreibenden Zeitgenossen im ›Dörfchen‹ DDR dadurch unterschieden sehen, dass er an großgedachten Vorschlägen festhielt, während die anderen, wie er unterstellte, es weinerlich und quasi-romantisch dabei bewenden ließen, allein das gesellschaftlich Unzulängliche und individuell Zerstörerische feilzubieten. [...]

Der Leipziger Autor Peter Gosse hat auf Hacks' Vorwürfe, DDR-Schriftsteller flüchteten bei der Vergegenwärtigung der Menschheitsprobleme in leichtfertige Romantik, denn auch einmal bündig entgegnet, dass der Stoff, ›den Romantik und Klassik uns herhalten‹, der gleiche, seine Erscheinungsform jedoch verschieden sei: Die Klassik halte das Unabgeltbare her ›als geschaute Wunder‹, die Romantik ›als gelebte Wunde‹.«

Dr. Kai Köhler, geb. 1964, ist Literaturwissenschaftler. Er unterrichtet gegenwärtig an der Hankuk University of Foreign Studies, Seoul. Er gibt die Dokumentationen der jährlichen Peter-Hacks-Tagungen heraus und hat mehrere Aufsätze zu Hacks verfasst.

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