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Arbeitsplatztausch: Weniger Berufsverkehr, mehr Freizeit

Die Arbeitswelt ist im ständigen Wandel. Aber es wird immer Arbeit geben, die nicht durch Coworking von einem gemieteten Arbeitsplatz oder durch Telearbeit von zu Hause erledigt werden kann. Die Wege zur Arbeit sind teils sehr lang und zeitfressend. Menschen fahren von ihrem Wohnort A zum entfernten Arbeitsplatz in B, andere von ihrem Wohnort B zum Arbeitsplatz in A. Muss das so bleiben? Einen utopischen Blick in die Zukunft wirft das folgende fiktive Interview mit dem Leiter einer Agentur für Arbeit in Schleswig-Holstein, kurz vor dem nicht stattgefundenen Start des Pilotprojektes »Verkürzung der Arbeitswege durch Tausch der Arbeitsplätze«.
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Frage: Ihre und drei weitere Arbeitsagenturen im strukturschwachen Norden wurden durch das Bundesarbeitsministerium ausgewählt, um zu ermitteln, ob es reales Interesse an dieser ökologisch-sozialen Idee gibt. Was ist das Anliegen?
Es gibt zahlreiche Berufe, in denen in Deutschland mehrere hundert- bzw. zehntausend Arbeitnehmer beschäftigt sind. Oft liegen Wohn- und Arbeitsort dreißig oder mehr Kilometer auseinander. Der immense Berufsverkehr erforderte erhebliche Investitionen in den Straßenbau, belastet die Umwelt, reduziert die Freizeit und ist bei hohen Sprit- bzw. Bahnpreisen für den Arbeitnehmer teuer geworden. Staus sowie Verspätungen öffentlicher Verkehrsmittel stellen einen Stressfaktor dar, begünstigen das Burn-out-Syndrom und führen zu hohen Folgekosten. Durch die Unterstützung beim Arbeitsplatztausch sollen daran Interessierte einen Arbeitsplatz mit geringerer Entfernung zum Wohnort finden.

Wie soll das praktisch realisiert werden? Welche Aufgabe kommt dabei den Arbeitsagenturen zu?
Der am Arbeitsplatztausch Interessierte informiert die Arbeitsagentur über seinen Wunsch. Sobald die Daten von zwei tauschwilligen Arbeitnehmern »zusammenpassen«, erhalten sie sowie beide Arbeitgeber eine Information über die theoretisch bestehende Tauschmöglichkeit. Nach einer maximalen Bedenkzeit von drei Wochen soll das Interesse am Fortgang oder die Ablehnung dieser Tauschvariante der Arbeitsagentur mitgeteilt werden. Danach folgen Bewerbungsgespräche und gegebenenfalls ein oder mehrere Probearbeitstage. Und unter Beteiligung der Arbeitsagentur werden danach die neuen Arbeitsverträge abgeschlossen. Da an einem Tausch vier Seiten - zwei Arbeitnehmer und zwei Arbeitgeber - beteiligt wären, wird nicht jeder angefangene Tauschvorgang zu Ende gebracht werden.

Warum wird eine Arbeitsagentur am Arbeitsvertragsabschluss beteiligt?
Gegen den Widerstand von Arbeitgeberorganisationen konnte unter anderem durch Einflussnahme des DGB durchgesetzt werden, dass arbeitsrechtlich die Beschäftigungszeit beim letzten Arbeitgeber vor dem Tausch so gestellt wird, als wäre sie beim neuen Arbeitgeber geleistet. Das ist zum Beispiel von Bedeutung bei Kündigungsfristen und Urlaubsanspruch. Sonst könnten Arbeitgeber den für die Gesellschaft und den Einzelnen vorteilhaften Arbeitsplatztausch dazu missbrauchen, mit kurzen Kündigungsfristen ohne oder mit minimalen Abfindungen Personal zu reduzieren. Die Arbeitsagenturen werden darauf achten, dass der zukünftige Arbeiter, Angestellte oder Beamte arbeitsvertraglich nicht über den Tisch gezogen wird.

Können sich auch Arbeitgeber Vorteile ausrechnen?
Nach einer Einarbeitungszeit wird der oder die »Neue« eine ähnliche Leistung wie der Vorgänger erbringen. Ein wegen des kürzeren Arbeitsweges ausgeruhterer und in der Regel besser gelaunter Arbeitnehmer ist leistungsfähiger.

Für die oft überlasteten Arbeitsagenturen bringt das Projekt zusätzliche Arbeit. Wie wollen Sie diese bewältigen?
Es wurden bei uns zusätzliche Stellen geschaffen. Schließlich müssen die Finanzämter wegen der eingesparten Entfernungspauschalen geringere Steuerminderungen berechnen. Der Staat hat also auch einen Nutzen.

Die Idee des staatlich unterstützten Arbeitsplatztausches wurde im März 2010 erstmals in der »Tarantel«, der Zeitschrift der Ökologischen Plattform der LINKEN, als Leserbrief veröffentlicht. Welche Kräfte haben diese Vision vorangetrieben?
Die LINKE war leider mal wieder mit Personaldebatten ausgelastet. Unterstützung kam wider Erwarten von der FDP, die dadurch etwas in der Wählergunst zulegte. Der Preis war hoch - sie hat ein paar Großspender aus Straßen- und Automobilbau sowie bei den Mineralölkonzernen verprellt.

Welchen Wunsch haben Sie bezüglich des Pilotprojektes?
Bekanntlich fühlen sich ja viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit ihrem Team verbunden. Ich hoffe, dass sich viele einen Ruck geben und den Mut zum Tauschversuch aufbringen. So hätten sie mehr Zeit zum Beispiel für Familie, soziale Kontakte, Kursbesuche oder auch das Plätzchenbacken. Freuen würde ich mich natürlich über die bundesweite Umsetzung der Idee und Nachahmung in Europa.

Sie haben sich als Beamter mit Ihren Antworten zum Teil politisch recht weit aus dem Fenster gelehnt. Haben Sie keine Angst vor Problemen mit Ihrem Dienstherrn?
Wissen Sie, ich stehe kurz vor der Pensionierung. Wer will sich da noch mit mir anlegen! Außerdem kann ich mich damit herausreden, dass dieses Interview nur ein fiktives war.

Fragen und Antworten dachte sich Michael Dressel aus.

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