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Kultur schafft sich ab

Sarrazin recyceln?

Geredet wurde genug, jetzt wird vernichtet. Thilo Sarrazins Buch »Deutschland schafft sich ab«, vor Kurzem noch in atemberaubenden Argumentabschlägen debattiert, soll nun »recycelt« werden. So jedenfalls stellt sich das Martin Zet vor, ein tschechischer Künstler.

60 000 Exemplare des Buches möchte Zet einsammeln, um ihnen am Ende den Garaus zu machen. Die Bühne dafür stellt ihm ein u.a. durch die Kulturstiftung des Bundes gefördertes Festival zur Verfügung, die Berlin Biennale. Auf deren Homepage lässt sich erfahren: »Die Bücher werden in einer Installation in der 7. Berlin Biennale (27.4.-1.7.) gezeigt; nach Ende der Ausstellung werden sie für einen guten Zweck recycelt.«

»Recyceln« - wahrscheinlich hält Martin Zet das für ein politisch korrektes Ökowort. Wenn aber, stellvertretend für unliebsame Inhalte und deren Urheber, Schriften eingestampft werden, erinnert das fatal an die Bücherverbrennung anno 1933 auf dem Berliner Bebelplatz. Und: War es nicht sogar eine Art von »Recycling«, als Nazis nach den Worten auch die Goldzähne noch aus den Mündern ihrer Opfer rissen, um sie einzuschmelzen und für ihre Zwecke wiederzuverwenden?

Kunst muss provozieren dürfen. Aber nicht jede Provokation ist Kunst. Gerade, wer mit Martin Zet darin übereinstimmt, dass Sarrazins Buch »antimigrantische Tendenzen in diesem Land« befördert hat, sollte begreifen, dass die symbolische Vernichtung dieser Schrift solche Tendenzen noch verstärken wird. Dass Sarrazins Buch ein großer Verkaufserfolg werden konnte, begründeten viele seiner Anhänger so: »Endlich spricht einer aus, was viele lange schon denken.« Dieses Gedankengut nicht argumentativ, sondern mittels »Recycling« aus der Welt schaffen zu wollen, bestätigt die Tabu-Schwafler nur. Wo Kultur meint, gefährliche Thesen einfach auslöschen zu können, wird sie selber zur Gefahr. Indem sie das Missliebige abschaffen will, schafft sie sich selber ab.

»Ab einem bestimmten Moment ist es nicht mehr wichtig, was die Qualität oder wahre Intention eines Buches ist, sondern welchen Effekt es in der deutschen Gesellschaft hat«, sagt Martin Zet. Seine eigenen Intentionen scheinen ihn blind für die absehbaren Effekte seines Vorhabens gemacht zu haben.

Wesentlich besorgniserregender als die Betriebsblindheit eines einzelnen Künstlers aber ist die institutionelle Förderung von Zets Projekt. Die Homepage der staatlich gestützten Berlin Biennale appelliert: »Bitte geben Sie Ihr Exemplar in einer der teilnehmenden Sammelstellen ab oder schicken Sie es uns per Post und lassen Sie es Teil der Installation werden!« Als »Sammelstellen« - warum denkt man bei diesem Wort an Viehwaggons Richtung Auschwitz? - haben sich unter anderem das Berliner Haus der Kulturen der Welt, die Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig und die Stiftung Bauhaus Dessau eingetragen.

Dieser Text ist eine Bitte an alle Verantwortlichen, ihre Beteiligung zu bedenken! Es gilt, Schaden von anerkannten Kultureinrichtungen abzuwenden. Und von der Kultur der Auseinandersetzung im Ganzen.

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