Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Um 20 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt

In der Simon-Dach-Straße liegen Kneipenwirte und ruhebedürftige Mieter im Streit

Der Himmel trieft, und das ist gut so - zumindest für die einen. Denn der Regen kommt nicht nur als lebensspendender Saft für das Straßengrün von oben. Er bremst auch den menschlichen Urdrang des Großstädters, sich auf dem abendlichen Straßenpflaster auf einem Klappstuhl auszustrecken und sein Hefeweizen, Märkischen Landmann oder ein schlichtes Pils in sich hineinzuschütten. Dieser Grundform der Entspannung steht aber ein anderes Bedürfnis diametral entgegen: das des Schlafens.

Wenn die Hummeln schwärmen, da gehts nicht ohne Lärmen. (deutsches Sprichwort)


Unter diesem Dauerkonflikt leidet die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain, seit sie aus der Tristesse morscher Gemäuer zur Kneipenmeile aufgestiegen ist. Der Konflikt wanderte durch den Kiez. Erst grummelte er am Boxer, dann machte er in der Grünberger Straße Station, jetzt ist er in der Simon-Dach-Straße zwischen Kopernikus- und Grünberger Straße Dauergast. Kneipen schossen wie Pilze aus dem Boden, sehr zum Missfallen jener, die vom Lärm gepeinigt und in ihren Rechten als freie Fußgänger mit Zugang zu ihrem Wohnhaus eingeschränkt wurden. Es hagelte Proteste, Mieter, in der Widerstandsgruppe »Die Aufgeweckten« zusammengeschlossen, drohten mit Klagen gegen das Bezirksamt.
Das nun hat mit harter Hand eingegriffen. In einem Schreiben werden die Kneipenwirte aufgefordert, zwischen 20 und 22 Uhr nur noch sechs Stühle auf die Straße zu stellen. Nach 22 Uhr ist es dann völlig vorbei mit dem Picheln an frischer Luft. Genau aber nach 20 Uhr setzt das Sitzen auf der Straße erst so richtig ein. Würde die behördliche Anordnung mit aller Konsequenz durchgesetzt, wäre es vorbei mit der Lebendigkeit des Kiezes und die Kneipenszenerie würde weiterwandern.

Wer gut schläft, den stört ein Floh nicht. (deutsches Sprichwort)

Zum Nachteil des Bezirkes, der Wirtschaftskraft ansiedeln möchte. So sieht das auch Franz Schulz, bündnisgrüner Stadtrat für Bauen und Stadtentwicklung in Friedrichshain-Kreuzberg. Eine klassische Behördenentscheidung, sagt er und nennt das Ganze ein bisschen albern. Wenn es einen Interessenkonflikt gibt, so muss man ihn in Gesprächen mit den Beteiligten lösen. Die Wirte müssen etwas tun, damit die Bedürfnisse der Anwohner gewahrt bleiben. Und sehen diese, dass die Wirte etwas unternehmen, um den Lärmpegel gering zu halten, dann sind sie auch einsichtig.

Ist das Bier im Manne, ist der Verstand in der Kanne. (deutsches Sprichwort)

Die Kneipenwirte der Simon-Dach-Straße wollen sich dem behördlichen Druck nicht beugen und haben sich zur Gegeninitiative »Wir(te) für Friedrichshain« zusammengeschlossen, die auch Sympathien unter den Anwohnern findet. Zumindest gestern stellten sie unverdrossen ihre Stühle wieder auf und hofften auf Gäste. Franz Schulz jedenfalls will die beiden Seiten zusammenbringen, denn Hackesche Höfe, Oranienburger Straße oder Kollwitzplatz haben gezeigt, dass für beide Seiten akzeptable Lösungen möglich sind. Dann dürfte der 6-Stühle-Erlass wieder in die Aktenberge einer Behörde zurückwandern, um dort als Kuriosität abgeheftet zu werden.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln