China bricht auf zum Frühlingsfest

3,2 Milliarden Fahrten werden erwartet

  • Von Werner Birnstiel
  • Lesedauer: 3 Min.
Ob per Bahn, mit dem Pkw oder dem Flugzeug - abermillionen Chinesen reisen zum Frühlingsfest zu ihren Familien. Für das Transportsystem eine gewaltige Herausforderung.

Chinesische Bürger werden in den nächsten Tagen wieder einen neuen Rekord aufstellen. Medien verkünden bereits, der diesjährige Frühlingsfesttransport werde die größte Reiseaktivität »in der Geschichte der Menschheit«. Hin- und Rückreisen zusammengerechnet, werden 3,2 Milliarden Personen mit der normalen Eisenbahn und in Hochgeschwindigkeitszügen, mit S- und U-Bahnen in den Städten und stadtnahen Gebieten, mit Pkw, Bus, Flugzeug und zu Wasser unterwegs sein. Die Reiseströme starten 20 Tage vor und enden 20 Tage nach dem Neujahrstag, mit dem in diesem Jahr am 23. Januar das besonders glückverheißende »Jahr des Drachen« beginnt.

Zum Vergleich: Im Jahr 1954 wurden zum Frühlingsfest 730 000 Passagiere befördert. Seit den 1980er Jahren begann mit der Reform- und Öffnungspolitik ein »großer Sprung nach vorn«. 1994 erreichte die Gesamtzahl 1,22 Milliarden, im Jahr 2000 waren es 1,62 Milliarden und 2010 über 2,5 Milliarden.

Traditionell reisen vor allem die über 230 Millionen Wanderarbeiter sowie andere Beschäftigte in den Wirtschaftsmetropolen, aber auch Studenten und Schüler aus weiter entfernten Provinzen zu ihren Familien. Inzwischen betrachten etliche Unternehmen es als Teil ihrer sozialen Verantwortung, für Mitarbeiter aus armen Regionen die Reisekosten für den so wichtigen Familienbesuch zum Frühlingsfest zu erstatten.

Lebt die Familie relativ nahe beieinander, so besucht man sich erst recht. Neue Dimensionen hat in den letzten zehn Jahren der Tourismus vor allem Richtung Süden erreicht. Hotels auf der Insel Hainan, Chinas »Hawaii«, sind zu weit überhöhten Preisen ausgebucht. Noch nicht in diesem Ausmaß, aber ebenfalls in Gang gekommen sind zum Frühlingsfest touristische Reisen in die Skigebiete im Nordosten.

Vor allem die Eisenbahn steht in diesen Tagen vor gewaltigen Herausforderungen. Gerechnet wird mit insgesamt 235 Millionen Passagieren, pro Tag sind es 5,88 Millionen. Es gelten Sonderfahrpläne und durch den verdichteten Einsatz von Sonderzügen werden die ohnehin stark belasteten Nord-Süd- und Ost-West-Trassen mit ihren Streckenlängen von bis zu 3000 Kilometer an die Grenzen der Belastbarkeit beansprucht.

Eine Besonderheit besteht aufgrund der Wirtschaftsstruktur Chinas auch darin, dass sich vor dem Frühlingsfest die Reisenden aus den großen Städten und Wirtschaftszentren vor allen aus den Küstenregionen auf die zahllosen kleinen Heimatorte in 27 Provinzen breit verteilen. Nach dem Frühlingsfest jedoch konzentriert die Rückkehrerbewegung wieder auf die geringe Zahl großer Städte und Wirtschaftszentren. Gerade auf den Umsteigebahnhöfen entsteht ein großer Druck, die riesige Masse der Fahrgäste alles in allem pünktlich und sicher zu ihren Anschlussverbindungen zu dirigieren. 42 Minuten Umsteigezeit wird zum Beispiel in Peking pro wichtige Verbindung um Mitternacht herum für jeweils mehrere Tausend Fahrgäste kalkuliert.

Da zum großen Fest zumeist auch mit großem Gepäck gereist wird, ist in dem Gedränge der Passagiere bei allem Ellenbogeneinsatz ein Durchkommen oft nur schwer möglich. China ist im Aufbruch, auch zum Frühlingsfest.

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