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Klassenprimus mit Schwächen

Thüringen: Trotz guter Ranking-Plätze birgt die Bildungspolitik der schwarz-roten Koalition reichlich Konfliktstoff

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Im Bildungsranking steht Thüringen ganz oben. Dennoch sieht sich die schwarz-rote Landesregierung mit Protesten konfrontiert. Zankapfel ist vor allem die Übernahme der Schulhorte durch die Kommunen.

Die Wiege der Kleinkinderpädagogik steht in Thüringen. In Bad Blankenburg gründete Friedrich Fröbel 1839 den weltweit ersten Kindergarten. Von hier aus verbreitete sich der Gedanke, dass Spiel und Bildung zusammengehören. Thüringen als Land der pädagogischen Vordenker? Das sieht jedenfalls die unternehmernahe »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« (INSM) so, die im 2011 das Land auf den zweiten Platz ihres Bildungsmonitors setzte.

Abseits solcher Ranking-Gipfel ist man in Thüringen allerdings eher mit haushälterischen Realitäten beschäftigt. Die Erfurter Landesregierung plant eine Überführung der Trägerschaft der Schulhorte vom Land auf die Kommunen. Schon 2004 unter der damaligen CDU-Alleinregierung wurde das Vorhaben auf den Weg gebracht, seit 2008 gibt es einen entsprechenden Modellversuch, und auch die seit 2009 regierende schwarz-rote Koalition hält an dem Vorhaben fest.

Mittlerweile werden zwei Drittel der rund 50 000 Grundschulkinder in kommunalen Schulhorten betreut; allerdings sind insgesamt noch drei Viertel der Horterzieherinnen nach wie vor beim Land angestellt. Was sich als reiner Verwaltungsakt liest, birgt reichlichen sowie sozial- und bildungspolitischen Sprengstoff. Kritiker sehen die pädagogische Einheit von Grundschule und Hort in Gefahr, fürchten Einkommenseinbußen für die Beschäftigten.

»Das Modell führt heute bereits zu Armutslöhnen«, kritisiert der Landesvorsitzende der GEW, Torsten Wolf. Eine Online-Befragung der GEW ergab jüngst, dass 47 Prozent der Beschäftigten an den von den Kommunen geführten Horten nicht von ihrem Einkommen leben können, an den Horten in Länderträgerschaft sind es lediglich 30 Prozent. Rund ein Viertel der Beschäftigten arbeitet nur noch auf Halbtagsstellen, schätzt Wolf. Der Bruttoverdienst schwankt hier nach Ministeriumsangaben je nach Einstufung zwischen 984 und 1267 Euro. Der hohe Anteil von 50-Prozent-Stellen wirkt sich auch auf den Schulalltag negativ aus. »Eine Rhythmisierung des Unterrichts, also eine Verteilung der Lernzeit auf den Vor- und Nachmittag, ist mit einer Halbtagsstellen kaum zu machen«, kritisiert Wolf.

2012 sollte der Modellversuch zum Regelbetrieb werden. Kultusminister Christoph Matschie (SPD) versprach finanzielle Absicherung der Horterzieherinnen und den Erhalt der pädagogischen Einheit von Schule und Hort. Die Kritiker konnte er damit nicht besänftigen. Zum Erhalt der Grundschulhorte sammelte ein Bündnis aus GEW, DGB und Landeselternvertretung 25 000 Unterschriften. Mit Erfolg: Ende Dezember 2011 machte die Landesregierung einen Rückzieher. Jetzt wird lediglich der Modellversuch um weitere vier Jahre verlängert. Unproblematisch ist auch das nicht. An den Horten, die am Modellversuch teilnehmen, wurde zwar die Trägerschaft auf Städte und Gemeinden übertragen, die Kommunen haben jedoch lediglich die administrativen Aufgaben übernommen, entscheiden selbst über Stellenprofil und Bezahlung, die Beschäftigten werden aber weiterhin vom Land finanziert. Das Land habe einen wichtigen Teil seiner Personalpolitik aus der Hand gegeben, kritisiert Wolf.

Deutlich weniger Konfliktstoff bergen dagegen andere Themen. 2010 wurde das Schulgesetz geändert, so dass im Freistaat die Gründung von Gemeinschaftsschulen möglich ist. Selbst die CDU konnte sich für die Idee des längeren gemeinsamen Lernens mindestens erwärmen. Auch bei der Inklusion kommt Bewegung in die Bildungspolitik. 87 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf spielen und lernen laut einer Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm gemeinsam mit anderen in einer Kita. Ein hoher Wert: im Bundesdurchschnitt sind es nur 61,5 Prozent. In der Grundschule sinkt der Anteil jedoch auf 27 Prozent und damit unter den Bundesschnitt (34 Prozent). Die Lernerfolge der Förderschüler sind in Thüringen andererseits wieder deutlich besser als im Rest Deutschlands: Jeder zweite schafft den Hauptschulabschluss, bundesweit bleiben drei Viertel ohne Schulabschluss.

Das sind Zahlen von 2008. Am erklärten Willen der Landesregierung, weitere Schritte in Richtung inklusiver Bildung zu gehen, fehlt es nicht. Vor knapp einem Jahr hat die Erfurter Landesregierung das Schulgesetz entsprechend geändert. Zu halbherzig, wie die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Erfurter Landtag, Machaele Sojka, anmerkt. »Bei den Stellenzuweisungen wurden Gemeinschaftsschulen, Gesamtschulen und Gymnasien nicht berücksichtigt.« Ein endgültiges Konzept zum Einsatz von Sonderpädagogen in Grundschulen und den sogenannten Regelschulen, wie in Thüringen jene weiterführende Schulform genannt wird, in der Haupt- und Realschule zusammengefasst sind, soll es zudem erst 2015 geben. Zu spät, befindet Wolf. Unter Zeitdruck steht die Landesregierung auch in einem anderen Bereich: Dem Land fehlt der Lehrer-Nachwuchs. Im Koalitionsvertrag von 2009 wurde vereinbart, bis 2014 jährlich 500 neue Vollzeitstellen für Lehrer zu schaffen. Torsten Wolf zieht eine ernüchternde Zwischenbilanz: Lediglich ca. 500 neue Vollzeitstellen seien bislang neu entstanden, in der nächsten Dekade aber würden jährlich mehr als 1000 Pädagogen in den Ruhestand gehen, rechnet er vor. Und die Statistiken offenbaren auch, dass seit Start von Schwarz-Rot in Thüringen 1500 Lehrerstellen weniger registriert sind. Bis 2020 sollen mehr als 4000 Stellen zusätzlich abgebaut werden.

Die Vorboten kündigen das Desaster bereits an: In manchen Teilen des Landes haben Schulleiter mit Brandbriefen auf die enge Personaldecke aufmerksam gemacht, schon heute gibt es, so Torsten Wolf, »massiven Stundenausfall an vielen Schulen«.

  • Erstmals seit 1990 ist im Schuljahr 2010/11 die Schülerzahl wieder gestiegen. Sie lag nach Angaben des Statistischen Landesamtes im Vergleich zum Vorjahr um 1902 höher bei 173 087 Schülern.
  • Unter allen ostdeutschen Bundesländern hat Thüringen die geringste Zahl an Schulabbrechern. 2009 lag die Quote bei 9,4 Prozent, im Bundesschnitt erreichten 7 Prozent keinen Hauptschulabschluss.
  • Zieht man berufsbildende Einrichtungen, Förderschulen und Kollegs ab, gibt es im aktuellen Schuljahr 824 Schulen, darunter 14 Gemeinschaftsschulen.
  • Bei der Ganztagsbetreuung an Grundschulen liegt Thüringen an der Spitze: 78 Prozent besuchen eine Ganztagsschule, in den westdeutschen Ländern sind es lediglich 20 Prozent.
  • Im laufenden Wintersemester sind 53 700 Studierende an Thüringens Hochschulen eingeschrieben - so viele wie noch nie. jam

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