Die Letzten ihrer Zunft

Billige Industrieprodukte sind für viele Handwerksbranchen ein ernstes Problem - Beobachtungen aus Thüringen und Sachsen

  • Von Heidrun Böger, Leipzig
  • Lesedauer: 6 Min.
Rund 988 000 Betriebe sind in Deutschland in die Handwerksrollen beziehungsweise ins Verzeichnis des handwerksähnlichen Gewerbes eingetragen. Dort arbeiten rund 5,13 Millionen Menschen, fast 440 000 Lehrlinge erhalten eine Ausbildung. Bestimmte Handwerksberufe gibt es aber kaum noch - etwa den des Hutmachers oder des Schaukelpferdherstellers. Doch Fördertöpfe für seltenes Handwerk gibt es nicht.
Die Leipziger Hutmacherin Almut Nietzschmann stellt selbst kaum noch Hüte her. Um über die Runden zu kommen, verkauft sie meist Fertigware.
Die Leipziger Hutmacherin Almut Nietzschmann stellt selbst kaum noch Hüte her. Um über die Runden zu kommen, verkauft sie meist Fertigware.

Gerald Crohn ist der letzte Schaukelpferdhersteller in Thüringen: »Das Geschäft lohnt sich nicht mehr. Ich repariere eigentlich nur noch, stelle kaum neue Pferde her und habe noch einen 400 Euro-Job nebenbei.« Crohn hat seine Werkstatt am Schloss Ehrenstein in Ohrdruf. Mit geübten Schlägen bearbeitet er das Hinterteil eines Schaukelpferdes, ein Einzelstück, das er für einen Kunden speziell anfertigt. Jedes Pferd ist ein Unikat, jedes Detail von Hand hergestellt nach Modellen von 1900 und 1905 mit Zügel und Steigbügel. Die Holzspäne fliegen, Crohn wischt sich den Staub aus dem Gesicht.

Gelernt hat der heute 55-Jährige mal Heizungsinstallateur, später arbeitete er als Ingenieur für Landtechnik. Zur Schaukelpferdherstellung kam er nach der Wende durch eine Wette: »Ein Bekannter, dessen Sohn Probleme mit dem Gleichgewicht hatte, glaubte nicht, dass ich ihm ein Schaukelpferd besorgen kann. Die Wette habe ich gewonnen.«

Spielzeugstraße war einmal

Crohn baute das Pferd damals vor 13 Jahren selbst und wurde so Rossmacher. Das Handwerk hat hier in Thüringen eine lange Tradition. Bereits um 1865 ersann Carl Eduard Meinung in Ohrdruf ausgestopfte, mit Fell überzogene Schaukelpferde für Kinder, die sie auch hinter sich herziehen konnten. Zwölf Stunden braucht es heute für ein Mini-Ross, das etwa zwölf Kilo wiegt. Doch die 300 Euro dafür wollen Eltern und Großeltern kaum noch zahlen. »Billigware aus Asien überschwemmt den Markt«, ärgert sich der Rossmacher.

Gerald Crohn hat sich an die Handwerkskammer in Erfurt mit der Bitte um Unterstützung gewandt: »Thüringen war mal bekannt für seine deutsche Spielzeugstraße.« Doch Hilfe bekam er nicht. »In Salzburg wird an jeder Ecke mit Mozartkugeln geworben, dort funktioniert die Vermarktung, warum bei uns nicht«, fragt Crohn mit Wut im Bauch.

In der Handwerkskammer in Erfurt sieht man die Dinge anders. »Herr Crohn wollte Fördermittel für die laufende Produktion, so etwas gibt es nicht, weder bei uns noch anderswo«, erklärt dazu Christian Brasche, Geschäftsführer der Gewerbeförderung bei der Handwerkskammer. Man habe ihm angeboten, ihn bei der Beantragung von Lohnkostenzuschüssen für Mitarbeiter, die er einstellen wollte, zu unterstützen. »Danach haben wir aber nie wieder etwas von ihm gehört«, so Brasche.

Die Pressesprecherin der Erfurter Handwerkskammer bestätigt: »Fördertöpfe in dem Sinne gibt es nicht für seltenes Handwerk.« Allerdings hat man einen »Verein zur Förderung des Handwerks in Thüringen« gegründet, der von der Kammer unterstützt wird. Dieser organisiert Veranstaltungen, auf denen sich Schmiede, Drechsler oder Ofenbauer einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren können, auch um Kunden zu gewinnen. Kein Handwerk im eigentlichen Sinn ist das Geschäft der Kohlehändler, doch selten geworden ist es allemal. Derzeit herrscht Hochsaison. »Es gibt nur noch drei Kohlehändler in Leipzig, die tatsächlich ausschließlich Festbrennstoffe ausliefern, die anderen haben alle umgestellt auf Heizöl oder Containerdienste«, sagt Regina Kluge. Seit über 45 Jahren ist sie im Geschäft, hat schon alles mitgemacht. Wurden 1990 rund 150 000 Wohnungen in Leipzig mit Kohle beheizt, sind es heute noch etwa 20 000. Heute betreibt Regina Kluges Sohn Thomas den Kohlehandel - ohne Angestellte. Der Umsatz reicht nur für eine Arbeitskraft, und das ist Kluge selbst. Seine Mutter ist genauso wie sein Vater, von dem er das Geschäft in fünfter Generation übernommen hat, in Rente.

Andererseits macht Kluge einen Trend weg von Gas-, Öl- und Fernwärmeheizung hin zu Kohlen aus. Das Geschäft zieht seit ein paar Jahren leicht an. Viele Hartz-IV-Bezieher können sich nur Wohnungen mit Kohleheizung leisten. Das ist gut für Kluges, die den Kohlehandel seit 1879 betreiben. Aber: »Heutzutage macht keiner mehr neu auf«, sagt Regina Kluge. 50-Kilo-Säcke zu schleppen, das mutet sich keiner freiwillig zu.

Feiner geht es bei Almut Nietzschmann und ihren Hüten zu. Die Modistin - so heißt der Beruf der Hutherstellerin - betreibt ein Geschäft in Taucha bei Leipzig und das schon seit 1987. Doch deutlich spürt sie, wie sehr ihr Handwerk vom Aussterben bedroht ist: »Ich stelle nur noch selten Hüte selbst her, obwohl ich das natürlich gelernt habe. Meistens verkaufe ich Fertigware, wobei ich darauf achte, dass es bei mir Hüte gibt, die man woanders nicht bekommt.« Kundin Ursula Neitsch hat sich gerade einen Filzhut für 49,95 Euro gekauft: »Ich bin Stammkundin bei Frau Nietzschmann und trage den Hut im Winter.«

Als Almut Nietzschmann 1968 ihre Lehre begann, saß sie mit vielen anderen künftigen Modistinnen auf der Schulbank. Später arbeitete sie lange Jahre in der Werkstatt des Schauspielhauses. Als sie 1987 die Möglichkeit bekam, sich mit einem eigenen Hutgeschäft in der Leipziger Straße in Taucha niederzulassen, ergriff die Modistin die Chance, machte dafür ihren Meister. Damals war die Selbstständigkeit für sie wie ein Fünfer im Lotto, wie sie sagt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute kann Almut Nietzschmann nicht sagen, wie viele andere Modistinnen es gibt: »Ich kenne keine.«

Ein individuell angefertigter Hut kostet wesentlich mehr als Fertigware und ist vielen zu teuer. So hat Almut Nietzschmann ein Nagelstudio mit in die Geschäftsräume, die ihr gehören, aufgenommen. Praktisch ist, dass das Nagelstudio von Almut Nietzschmanns Tochter betrieben wird.

Schon immer gab es Nischenberufe, den des Seilers zum Beispiel. Im Laufe der letzten Jahre hat er sich sehr gewandelt. Ausgebildet wurde in den Betrieben schon immer, doch seit fünf Jahren gibt es erstmals wieder eine deutschlandweit zentrale Seilerfachklasse mit 15 bis 20 Lehrlingen. Sie erhalten die theoretische Ausbildung an der Textilberufsschule Münchberg in Bayern.

Seiler reisen viel

Es ist vor allem ein Männerberuf. Seiler verarbeiten natürliche und künstliche Fasern oder Draht zu Seilen aller Art. Der Beruf ist an moderne Technik geknüpft: Die meisten Seile entstehen an computergestützten Maschinen. Der Beruf bedeutet dennoch körperlich schwere Arbeit. Seiler kommen in der Welt herum. Oft arbeiten sie auf Schiffen, aber manche montieren auch Skilifte und Bergbahnen vor Ort. Rolf Härtl, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Seiler- und Netzmacherhandwerks, ist sich auch deshalb sicher, dass es dieses seltene Handwerk weiter geben wird: »Auch der moderne Mensch kann nicht ohne Seile leben.«


In Zahlen

12,7 Prozent aller Erwerbstätigen und rund 30 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland sind im Handwerk tätig. Im Jahr 2010 erreichte der Umsatz rund 464,5 Milliarden Euro. Das Handwerk bleibt weiter kleinbetrieblich geprägt. 60,6 Prozent der Unternehmen haben bis zu fünf Beschäftigte, 81,6 Prozent bis zu zehn und 92,6 Prozent bis zu 20 Mitarbeiter. (hb)

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