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Keine halben Revolutionen!

Filme zum »Arabischen Frühling« im Panorama

  • Von Hans-Günther Dicks
  • Lesedauer: 3 Min.

Vom Kairoer Tahrir Platz an den Potsdamer Platz. Im eiskalten Berliner Winter Bilder vom heißen »Arabischen Frühling«. Gleich ein halbes Dutzend Filme allein im Panorama-Programm kreisen um Geschichten und Entwicklungen im arabischen Raum. Die Welle des Interesses an dieser Weltgegend hat allerdings auch Filme ins Programm gespült wie »My Brother the Devil« über zwei arabische Brüder im Londoner Drogenmilieu - Kino-Dutzendware.

Dagegen bekennt sich der irische Filmemacher Sean McAllister bei seinem »The Reluctant Revolutionary« ausdrücklich als aktiver Unterstützer der Opposition in Jemen. Sein zögerlicher Revolutionär Kais aber will sich aus allem heraushalten und findet erst mit leichtem Nachdruck des Regisseurs zur Opposition.

Weitaus professioneller zwei Filme zum Geschehen in Ägypten, die als Doppelprogramm laufen. In »Words of Witness« porträtiert die US-Amerikanerin Mai Iskander die 22 Jahre junge Journalistin Heba Afify, die, so sagt sie, »drei Monate vor der Revolution« ihr Examen gemacht hat und nun für die englischsprachige Zeitung Almasry Alyoum arbeitet, laut Pressematerial »Ägyptens führende unabhängige Zeitung«.

Wir erfahren von Hebas beruflichem Alltag mit Facebook und Twitter wie von ihrem kämpferischen Auftritt auf dem Tahrir-Platz, aber auch von den Sorgen ihrer Mutter, die um Hebas Sicherheit fürchtet.

Dass »In the Shadow of a Man« ein Regiedebüt ist, mag man fast nicht glauben, so klar und überzeugend verwebt Hanan Abdalla (an der Londoner National Film and Television School ausgebildet) die Porträts von vier recht unterschiedlichen ägyptischen Frauen mit den aktuellen Umbrüchen und Stimmungen im Land. Badreya, Mitte vierzig, hatte Malerin werden wollen, nun lebt sie mit ihren vier Kindern und dem trotz Diplom arbeitslosen Mann auf einem Bauernhof, mit dessen Kleinviehzucht sie Geld für die Ausbildung der Kinder sparen will; bei ihrem meist misslaunigen Mann geblieben ist sie nur der Kinder wegen. Von Männern gar nichts mehr wissen will die 69-jährige resolute Wafaa, die mit 35 ihre Scheidung durchsetzte und nun in London lebt, weil sie als Geschiedene ihr Geburtshaus nicht mehr betreten darf. Sechs Verlobungen hat die 31-jährige Suzanne platzen lassen; sie verdankt ihre Unabhängigkeit einem kleinen Laden am Nildelta. Mit 73 Jahren ist Shahinda die älteste der vier Porträtierten - und die politisch aktivste. Offizierskind, hat sie die Heirat mit einem Polizeioffizier ausgeschlagen und ist mit Salah, einem Aktivisten der Bauerngewerkschaft, durchgebrannt. Salah wurde bei einer Protestkundgebung 1977 erschossen, sie setzt seitdem seinen Kampf mit gleicher Energie fort.

Vier Biografien, die von den Fesseln der Tradition, von Unterdrückung und Enttäuschung, aber auch von den Freuden erkämpfter Erfolge und der Kraft des Widerstands erzählen, jenes stillen Alltagswiderstands, der unseren Massenmedien erst zum Thema wird, wenn er große Plätze füllt. Badreya, die nie an Wahlen teilgenommen hat, will nun mit abstimmen, bei den anderen mischt sich viel Skepsis in die Hoffnung auf ein neues Ägypten: »Vollständige Revolution oder überhaupt keine!« fordert ein Transparent im letzten Bild von Abdallas Film.

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