Werbung

Die Neandertaler des Ostens

Forscher entziffern Genom des Denisova-Menschen


Noch vor wenigen Jahren schien es so, als habe der Neandertaler unter den nächsten ausgestorbenen Verwandten des Menschen keine Konkurrenz zu fürchten. 2008 jedoch machten russische Wissenschaftler im südsibirischen Altaigebirge eine spektakuläre Entdeckung. In der kühlen Denisova-Höhle stießen sie auf einen etwa sieben Millimeter langen Fingerknochen, dessen intakte DNA später am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig analysiert wurde. Den einstigen Träger des Fingers bezeichnet man seither als »Denisova-Menschen«.

Zunächst wurde 2010 dessen mitochondriale DNA (mtDNA) entziffert. Die hierbei gewonnenen Daten verglichen die Leipziger Forscher um Svante Pääbo mit der mtDNA von 54 heute lebenden Menschen sowie sechs Neandertaler-Fossilien. Das Ergebnis: Während sich Neandertaler und moderner Mensch an etwa 200 Stellen ihres Mitochondrien-Erbguts unterscheiden, ist die Zahl der Abweichungen zwischen Denisova-Mensch und Homo sapiens fast doppelt so groß. Ausgehend davon kann man abschätzen, dass sich die Entwicklungslinien von Denisova-Mensch und Homo sapiens bereits vor einer Million Jahren trennten. Bei den Neandertalern erfolgte die Trennung vom modernen Menschen erst vor 440 000 bis 270 000 Jahren.

Der fossile Fingerknochen selbst wurde einem etwa siebenjährigen Mädchen zugeordnet, das vor ca. 40 000 Jahren lebte. Die spannende Frage, ob es sich beim Denisova-Menschen vielleicht um eine neue Spezies von Urmenschen handelt, ließ Pääbo vorerst offen.

Um mehr über die urmenschlichen Verwandtschaftsverhältnisse zu erfahren, entzifferten die Leipziger Forscher auch die Zellkern-DNA des Fingerknochens, die seit dieser Woche vollständig im Internet zugänglich ist (www.eva.mpg.de/denisova). Die Daten bekräftigen, was bereits nach den ersten genetischen Untersuchungen vermutet wurde: Zusammen mit den Neandertalern sind die Denisova-Menschen die nächsten ausgestorbenen Verwandten der heute lebenden Menschen. Manche Paläoanthropologen gehen noch einen Schritt weiter und bezeichnen den Denisova-Menschen als neue Urmenschenart. Dabei weiß bis dato niemand, wie unsere urtümlichen Vettern aus dem Altaigebirge überhaupt aussahen, obwohl es von ihnen zwei weitere Fossilien gibt: einen Zehenknochen und einen Backenzahn, der allerdings von einem erwachsenen Individuum stammt.

Offenkundig lebten Homo sapiens, Neandertaler und Denisova-Mensch vor rund 40 000 Jahren nebeneinander. »Wir sehen in Denisova eine Schwesterngruppe des Neandertalers, deren Vorfahren vor spätestens 200 000 Jahren jeweils andere Wege gingen«, meint Pääbos Kollege Johannes Krause. Der Neandertaler fand sein Verbreitungsgebiet hauptsächlich im Westen Eurasiens und vermischte sich hier teilweise mit dem Homo sapiens. Nach derzeitiger Kenntnis tragen alle Menschen, die nicht aus Afrika stammen – denn die Vorfahren der Afrikaner haben den Schwarzen Kontinent nicht verlassen –, ein bis vier Prozent des Neandertalergenoms in sich. Hingegen zog es den Denisova-Menschen in ostasiatische Gefilde, wo er nachweisbare Spuren im Erbgut der Melanesier etwa auf Papua-Neuguinea hinterlassen hat. Aus den vorliegenden DNA-Daten folgt, dass rund vier bis sechs Prozent des Genoms der heute lebenden Melanesier von Denisova-Menschen stammen. Am Ende jedoch erlitten auch diese das gleiche Schicksal wie die Neandertaler: Sie starben aus.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln