Abwahl der Langfinger

Kommentar von Silvia Ottow

Soziale Gerechtigkeit ist ein rares Gut - nicht umsonst erinnert alljährlich ein Welttag seit 2007 daran, dass der größte Teil der Menschheit sie vermisst. Nicht irgendwo weit weg von uns, sondern auch in Deutschland. Hier nimmt die Ungleichverteilung der Einkommen seit Jahren zu, zwölf Millionen Menschen leben nach Einschätzung von Sozialverbänden wie der Volkssolidarität in Armut. Tendenz steigend, wie ein OECD-Bericht jetzt feststellte. Niedriglöhne, prekäre Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und das stetige Abbröckeln der sozialen Sicherungssäulen haben dazu beigetragen.

Ein Ende dieser gefährlichen Entwicklung scheint nicht in Sicht. Jedenfalls nicht, solange sich die Bundeskanzlerin mit der Schaffung von Arbeitsplätzen rühmt, für die ein Hungerlohn angeboten wird. Solange der Bundesfinanzminister ungeniert mit langen Fingern in die Kassen der Krankenversicherung greifen möchte. Solange das Rentenniveau sinkt, Grundsicherungsempfängern hier und da etwas weggestrichen wird und Pflegebedürftige zusehen müssen, wie sie ihre Betreuung finanzieren.

Ein Welttag kann nicht verhindern, dass die da unten mehr denn je für die da oben zur Kasse gebeten werden. Er kann mahnen, aufrufen, wachrütteln, erinnern; er ist Anlass zum Erklären, Fordern und Klarstellen. Mehr nicht. Langfinger kann man nur abwählen.

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