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Jenseits des Personenkultes

»nd«-Autor Helge Buttkereit gibt mit seinem Venezuela-Buch Einblicke in politische Prozesse von unten

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In Venezuela wird derzeit nicht nur über die anstehenden Präsidentschaftswahlen diskutiert. Helge Buttkereit greift in »Wir haben keine Angst mehr« Diskussionen jenseits der »schönen Revolution« auf.

In der internationalen Wahrnehmung ist es etwas ruhiger geworden um Venezuela. Doch im Laufe dieses Jahres wird sich dies ändern. Am 7. Oktober werden bei den Präsidentschaftswahlen in dem südamerikanischen Erdölland die politischen Weichen für die kommenden sechs Jahre gestellt. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, dass sich die meisten Medien auf eine personalisierte Berichterstattung beschränken werden. Daran, dass es hinter dem Personenkult um Hugo Chávez in Venezuela aber auch viele interessante politische Entwicklungen und auch Widersprüche gibt, erinnert der Journalist und »nd«-Autor Helge Buttkereit in seinem Buch »Wir haben keine Angst mehr«.

Nachdem Buttkereit in »Utopische Realpolitik« mehrere linke Prozesse in Lateinamerika näher beleuchtet hatte, wendet er sich nun ganz Venezuela zu. Als Resultat einer mehrwöchigen Recherchereise hat Buttkereit sieben Interviews mit unterschiedlichen Protagonisten zusammengestellt, die sich innerhalb des bolivarischen Prozesses engagieren und ein heterogenes Bild der politischen Basis von Präsident Hugo Chávez zeichnen. Das Spektrum reicht von einem Verwaltungsbeamten über Sprecher der basisdemokratischen Kommunalen Räte bis hin zu einem Politiker der Kommunistischen Partei.

Dabei wird nicht die »schöne Revolution« stilisiert, wie sie etwa im staatlichen Fernsehen als Kontrast zu der Berichterstattung der oppositionellen Privatsender zu sehen ist. In den von unten entstandenen, kommunitären Radios wird zum Beispiel deutlich, »dass es keine schöne, perfekte Revolution gibt«, sagt die Aktivistin Guadalupe Rodríguez aus dem seit jeher rebellischen Viertel 23 de enero. Gleichzeitig hebt sie viele Fortschritte hervor, die ohne das Zusammenspiel von Regierung und Bewegungen nicht möglich gewesen wären.

Den spannenden, wenngleich teilweise etwa sperrig zu lesenden Interviews folgen zwei Reportagen und kurze theoretische Einschübe des Autors aus antiautoritärer linker Tradition heraus. Anhand einer Zusammenfassung aktueller Texte der in Venezuela viel rezipierten Autoren Michael Lebowitz und Marta Harnecker gibt Buttkereit zudem Einblicke in die theoretische Reflexion der politischen Prozesse in Lateinamerika. Er selbst kritisiert, dass es in den Debatten und Vorstellungen vieler Aktivisten in Venezuela häufig nur darum gehe, den Erdölreichtum sinnvoll zu nutzen und den Konsum der marginalisierten Bevölkerung zu steigern. Dies habe mit Sozialismus allerdings wenig zu tun. Vielmehr sei es nötig, »dass Menschen gemeinschaftlich eine neue Form der Produktion beginnen, die die wirklichen Bedürfnisse der Menschen befriedigt«.

Durch die Mischung von Stimmen aus der Praxis, Reportagen und Theorie entsteht ein knapper, aber vielseitiger Einblick in Partizipation und Selbstorganisierung in Venezuela, der zu einer weiteren Beschäftigung mit den politischen Prozessen jenseits der Chávez-Regierung einlädt. Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit Aktivisten des Berliner Vereins Interbrigadas, der als Kooperationspartner bei der Entstehung des Buches fungierte. Seit einigen Jahren organisieren die Interbrigadas erfolgreiche Brigaden nach Venezuela, Bolivien sowie Kolumbien und reflektieren dabei kritisch ihr eigenes Wirken vor Ort. Dadurch wird exemplarisch aufgezeigt, wie engagierte junge Menschen hierzulande praktische Solidarität mit den Bewegungen in Lateinamerika leisten können.

Helge Buttkereit: »Wir haben keine Angst mehr«. Interviews, Reportagen und Analysen zum bolivarischen Venezuela, Pahl-Rugenstein-Verlag, Bonn 2011, 167 Seiten, 14,90 Euro.

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