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Leben auf Island: eine Kunst

Alva Gehrmann über eine Insel und ihre Menschen

Wer Musik mag, die abseits der Hitparaden auf Entdeckung wartet, wird über kurz oder lang auch auf Island fündig. Björk und Sigur Rós stehen ebenso für avantgardistische Klangkultur wie die hierzulande ebenfalls geschätzten Ólafur Arnalds und »We made God«, deren jüngstes Album den beredten Titel »It's Getting Colder« (Es wird kälter) trägt. Musik ist ein existenzieller Bestandteil isländischen Lebens. Sie wird in den Familien ebenso gepflegt wie in den kurzen Sommern auf zahllosen Festivals.

Das Phänomen der »spontanen Festivals« steht auch am Anfang des Buches von Alva Gehrmann, einer Berliner Journalistin mit einer Passion für den fernen Inselstaat. Sie beschreibt in neun Kapiteln die isländische Lebenskunst. Die Eigenheiten beginnen schon in der Sprache. Um diese von fremden Einflüssen freizuhalten, werden für alle, grundsätzlich alle Fremdwörter Entsprechungen gefunden: Der Fernseher etwa heißt »Sichtwurf« und der Computer ist eine »Zahlenseherin«. Selbst vor dem Domestizieren von Markennamen schreckt man nicht zurück: Der US-Computerhersteller Apple muss sich gefallen lassen,unter dem Begriff »Epli« zu firmieren.

Sicherlich sollte man nicht unzulässig verallgemeinern, aber Isländer sind in vielerlei Hinsicht eigenwillig: Sie schwimmen im eiskalten Ozean und relaxen in 40 Grad heißem Quellwasser. Das soll ein langes Leben garantieren. Ebenso der Verzehr von luftgetrocknetem Gammelhai, dessen Nachgeschmack nur mit einem Schnaps neutralisiert werden kann, und das tägliche Glas Dorsch-Lebertran. Auch Walfleisch steht hoch im Kurs. Aber erst Widderhoden, Schafsköpfe und Blutwursttorte runden das »Buffet des Grauens« ab.

Die Familie, die sehr oft eine Patchworkfamilie ist, stellt in der isländischen Gesellschaft den wichtigsten ideellen Wert dar. Nirgendwo anders in Europa ist die Geburtenrate so hoch wie hier. Aber im Grunde ist ja ganz Island eine einzige große Familie. Das spiegelt sich auch im öffentlichen Umgang wider. Man sagt grundsätzlich »du« zueinander. Selbst der Präsident und die Staatsminister werden geduzt. Es ist ein sehr entspanntes Verhältnis, das die Einwohner untereinander pflegen. Das empfinden nicht zuletzt auch Besucher als erholsam. »Island lehrt einen«, so Alva Gehrmanns Fazit, »den Menschen wieder mehr zu vertrauen.« Sie meint auch, dass einen echten Isländer nichts aus der Ruhe zu bringen vermag. Selbst in Momenten, in denen wir in Hektik verfallen würden, reagiert der Nachfahre wilder Wikinger gewöhnlich mit einem unaufgeregten »Es regelt sich schon irgendwie«. Und sollte das mal nicht helfen, dann springt der Isländer ins eisige Meer und schwimmt eine Runde.

Nicht erst wegen der Finanzkrise, die 2008 das Land beutelte, ist auf Island vieles möglich, was auf dem Festland undenkbar wäre. Bei der letzten Bürgermeisterwahl in der Hauptstadt trat im Frühjahr 2010 der Komiker Jón Gnarr als Kandidat der »Besten Partei« an. Was als Spaß gedacht war, führte ihn mit 34,7 Prozent der Stimmen und in einer Koalition mit den Sozialdemokraten direkt ins Reykjaviker Rathaus. Gnarr ist nun Bürgermeister. Ihn zu treffen, ist der Autorin sogar gelungen.

Mag es in Brandenburg auch Wölfe und auf Gibraltar Affen geben, so darf man nach Lektüre dieses Buches sagen, dass Island der wohl exotischste Teil ist, den Europa aufzuweisen hat.

Alva Gehrmann: Alles ganz Isi. Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene. dtv. 254 S., brosch., 14,90 €.

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