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Wenn das Land plötzlich gut riecht

Christian Petzold über die Verbindung von Arbeit und Identität, Stasi und »Barbara«

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Vertrauensverlust, Schuld und Sühne - das sind Themen von Christian Petzold seit seinem Debüt »Die innere Sicherheit«, in dem er ein Terroristenpaar auf der Flucht porträtiert. Der 50-jährige Regisseur gilt als einer der Mitbegründer der »Berliner Schule« mit ihrem Streben nach Authentizität und Realismus im deutschen Film. Zu Petzolds Muse wurde die Schauspielerin Nina Hoss, sie spielte unter ihm in »Toter Mann«, »Jerichow«, »Wolfsburg« und »Yella«. Mit »Barbara« - nach der Weltpremiere auf der Berlinale jetzt in den Kinos - führt Petzold in die DDR der späten 1970er. Im Zentrum steht eine Ostberliner Ärztin, die nach einem Ausreiseantrag von der Stasi drangsaliert und in ein Provinzkrankenhaus an der Ostseeküste versetzt wird. Misstrauisch begegnet sie ihrer neuen Umgebung, insbesondere dem Arzt André (Ronald Zehrfeld).

nd: In der DDR kann man nicht glücklich werden, sagt Barbara. Haben Sie erwartet, dass sich dieser Satz so stark einprägt?
Petzold: Der Satz ist nicht wichtig, ich habe lange überlegt, ob ich ihn stehen lasse. Barbara und ihr Freund aus dem Westen reden über die Flucht, und er legt den Finger in die Wunde: Liebst Du mich überhaupt? In einem Anfall von Romantik äußert er die Idee, dass beide in der DDR leben könnten. Da muss sie hart in die Gegenposition gehen: Kapierst du überhaupt, was mir angetan wurde und was hier los ist? In alle wichtigen Positionen sind - so Barbara - die Aschlöcher gerutscht, die Parteimitglieder sind. Diese Methode hat sich Barbara nach vielen Verhören zum eigenen Schutz angewöhnt: Sie antwortet nicht, sie kontert sofort mit einer Gegenfrage. Sonst wäre sie schwach.

In André, der Figur des Arztes, findet sie jemanden, der trotz Repressionen nicht aufgegeben hat?
Er hat sich auch eingerichtet. Er ist ein guter Arzt, er hat Charme und seine Wohnung spiegelt seine Persönlichkeit wider. Seine Bücher hat er gelesen. Er redet nicht zwischen den Zeilen, er ist ganz klar und physisch präsent. Wir haben im Westen so ein falsches Arztbild, Ärzte wirken entmännlicht. Dieser Reiser ist mehr »proletarischer Mediziner«, so wie wir ihn auch aus John Fords Bürgerkriegsfilmen kennen. Eingeflossen in die Figur sind die Thesen der »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss, nach der die Arbeiterklasse die Kulturgüter für sich noch mal denken und sich aneignen muss. So ein Typ ist Reiser. Er beschreibt die Beschäftigung mit Kunst als intellektuelle Entdeckung. Danach muss Barbara ihr Urteil über ihn langsam revidieren. Und manchmal verliebt man sich in den Schein, aber in solcher Lebenssituation in das Sein.

Beide haben keine Familie oder Freunde, obwohl sie in der DDR die Nische war?
Wie der Freundeskreis zersetzt wurde, habe ich bei meinem Onkel erlebt. Er war für zwei Jahre im Gefängnis, musste von Thüringen nach Wismar ziehen. Dort war er allein und isoliert. An solche Situationen muss das Kino ansetzen. Im Fernsehen gibt es die Familie, im Kino ist sie schon überwunden.

Kann man denn keinen Film über die DDR ohne Stasi drehen?
Sicher. Ein Film wie Böttchers »Jahrgang 45« braucht die Stasi nicht. In »Barbara« war wichtig, dass sie dieses Heimweh des Weggehens verspürt. Die Tränen des Abschieds, der Zweifel, der dieses Land plötzlich gut riechen und schön aussehen lässt. Vielleicht irrt sie sich, vielleicht kann sie doch in diesem Land ein gutes Leben führen? Dagegen brauchte ich etwas Starkes, das sie wegstößt. Und wie präsent die Stasi im Alltag und in den Köpfen war, dazu brauche ich nur Werner Bräunig zu lesen. Er beschreibt eine Atmosphäre der Angst, und Angst ist der größte Machtapparat. Man hat sich gegenseitig Angst gemacht vor der Allgegenwärtigkeit der Stasi. Bei Barbara wird so jedes Missgeschick, jeder Zufall in diese Richtung als erneute Demütigung gedeutet. Die Luft wurde von der Stasi aus dem Fahrradschlauch gelassen. Es können aber auch Kinder gewesen sein.

Aber ausgerechnet der Stasi-Mann hat dann Familie?
Warum soll ein Apparatschik nicht lieben oder weinen können? Es geht doch um etwas anderes. Er ist von seiner Arbeit überzeugt. Aber Menschen, die von ihrer Arbeit überzeugt sind, sind gefährlicher und unangenehmer als Menschen, die einfach nur Durchwurschtler sind. Weil Barbara nicht freiwillig einlenkt, wird der Stasi-Mann brutal. Die Stasi macht aus ihrem Privatraum eine Zelle, indem sie ihre Privatsphäre verschwinden lässt. Die Beamten kennen die Wohnung, sie durchwühlen die Sachen, Barbara wird bis in den letzten intimen Winkel untersucht. Es gibt keine Grenze, keinen Raum, den die Stasi nicht durchsucht. Barbara weiß in diesem Moment: Die achten ihre Würde nicht.

Sie machen die Arbeit zum Mitspieler - so, wie man es aus den DEFA-Filmen kennt. Das überrascht.
Wir in Westdeutschland hatten die Arbeit aus dem Kino verbannt: Liebe findet nach der Arbeit statt, die Familien sind indifferent. In der DDR aber war die Identität mit dem Arbeitsplatz verbunden. Das spiegelt sich in der Literatur und im Film des Ostens wider. Die Arbeit ist der Ort ist, wo ich identisch bin. Ich verliebe mich nicht nur in jemanden, weil mir sein Gesicht so gut gefällt, sondern vor allem, weil er gut in seinem Job ist.

Auffallend ist, dass die Ärzte für den persönlichen Umgang mit den Patienten viel Zeit hatten.
Ja, das können wir uns nicht mehr vorstellen, weil unser Gesundheitssystem ausschließlich profitorientiert ist. Wir hatten ein Beraterteam von Ärzten und Schwestern aus der DDR, die alle betonten: Wir hatten nicht die neuesten Apparate, doch wir hatten Zeit. Damit kann keiner heute Geld verdienen. Aber vielleicht ist das wichtiger als High-Tech-Medizin. Das Krankenhaus »Carlo Marx« auf Kuba ist ja noch immer eines der besten Krankenhäuser Südamerikas.

Wie viel haben Sie in den vergangenen Jahren Neues über die DDR erfahren?
Das lässt sich jetzt noch nicht abschließend benennen. Recherche heißt für mich Wecken von Empathie und nicht das Füllen von Zettelkästen, die ich im Film akribisch abarbeiten muss. Solche Filme hasse ich. Recherche muss sein, manche Dinge wollte ich auch wissen. Wie ein Krankenhaus aussah, Arbeit organisiert war, auch, wie Demütigungen funktionierten, denn solche Perversion liegt mir nicht. Obwohl ich manchmal schon Lust hätte. Und dann hat das Kino viel mit Hineinträumen zu tun. Damit kommt man dem Kern näher als mit dem Streben nach sogenannter Authentizität.

Interview: Katharina Dockhorn

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