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»Was passiert in Kudankulam?«

Konflikt um umstrittenes Atomkraftwerk in Südindien eskaliert

  • Von Stefan Mentschel, Delhi
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Süden Indiens protestieren Anwohner und Umweltaktivsten mit Vehemenz gegen ein Kernkraftwerk. Die Regierung wirft ihnen vor, aus dem Ausland unterstützt zu werden. Ein Deutscher wurde vor Kurzem ausgewiesen. Gegen vier indische Anti-Atom-Gruppen laufen Ermittlungen.

Der Konflikt zwischen indischer Regierung und Atomkraftgegnern ist eskaliert. Nach monatelangen Protesten gegen das Kraftwerk Kudankulam, die die bereits für Ende 2011 geplante Inbetriebnahme des indisch-russischen Gemeinschaftsprojekts verzögern, haben die Behörden dieser Tage Anklage gegen vier Mitgliedsgruppen der »Volksbewegung gegen Atomkraft« erhoben.

Bereits Ende der 80er Jahre hatten Indien und die damalige Sowjetunion ein Abkommen über den Bau des Kraftwerks an der Südspitze des Subkontinents geschlossen. Der erste Spatenstich erfolgte 2002 rund 25 Kilometer nordöstlich der Stadt Kanyakumari im Bundesstaat Tamil Nadu.

Seitdem gibt es Proteste von Umweltschützern und Anwohnern gegen die Inbetriebnahme der beiden Druckwasserreaktoren mit einer Gesamtleistung von 2000 Megawatt. Allerdings fanden die Aktionen lange kaum Widerhall in der Öffentlichkeit, denn Politiker, Experten und Medien der aufstrebenden Wirtschaftsmacht waren sich einig, dass Indien ohne den Ausbau der Kernkraft seinen wachsenden Energiebedarf nicht decken könne. Ziel ist eine Verzehnfachung der Kapazitäten auf etwa 30 000 Megawatt bis Ende 2020.

Der indische Konsens wurde jedoch im März vergangenen Jahres durch die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fuku-shima nachhaltig erschüttert. Während die Regierung im Prinzip an ihren Plänen festhielt und lediglich ankündigte, den Bau des mit 9900 Megawatt größten Kernkraftwerks der Welt in Südindien zu überprüfen, verschafften sich nun auch Kritiker zunehmend Gehör. Überall im Land weiteten sich die Proteste gegen die umstrittenen Großprojekte aus. In Kudankulam erreichte die Bewegung im Oktober einen ersten Höhepunkt, als mehrere Tausend Dorfbewohner, Fischer und Aktivisten damit begannen, die Zufahrtsstraßen zu blockieren. Die Arbeiten an den fast fertigen Reaktoren mussten daraufhin unterbrochen werden.

»Studien über mögliche Risiken wurden nicht öffentlich gemacht«, beklagte S.P. Udayakumar von der »Volksbewegung gegen Atomkraft«. Zudem seien Sicherheitsauflagen und Umweltrichtlinien missachtet worden. Eine von der Regierung berufene Expertenkommission, der auch der frühere Chef der Atomenergiebehörde angehört, bescheinigte dem Kraftwerk hingegen, ausreichend gegen mögliche Erdbeben und Tsunamis geschützt zu sein.

Nun schaltete sich auch Premierminister Manmohan Singh in die Kontroverse ein. »Was passiert in Kudankulam?«, fragte er unlängst in einem Interview mit der Fachzeitschrift »Science« und gab die Antwort gleich: Die Protestbewegung werde von ausländischen Organisationen vor allem aus den USA und Skandinavien unterstützt, die »den Bedarf unseres Landes an einer Erweiterung der Stromproduktion nicht einschätzen können«. Kurz darauf wiesen die indischen Behörden auch einen Deutschen aus, der für die Atomkraftgegner Geld gesammelt haben soll.

Einen Tag später folgte die Anklage gegen vier Mitgliedsgruppen der Volksbewegung. Der Vorwurf: Sie sollen gegen devisenrechtliche Bestimmungen verstoßen und Hilfsgelder aus dem Ausland für die Aufrechterhaltung des Protests missbraucht haben. Sowohl die Landespolizei von Tamil Nadu als auch das Bundeskriminalamt in Neu-Delhi nahmen Ermittlungen auf.

Die Volksbewegung wies alle Vorwürfe zurück. Aktivist Udayakumar drohte dem Premierminister sogar mit einer Gegenanzeige wegen Verleumdung. Dieser zeigte sich unbeeindruckt und ließ seinen Staatsminister verkünden, dass der erste der beiden russischen Reaktoren in Kudankulam so bald wie möglich in Betrieb genommen werden solle. Um das zu verhindern, haben die südindischen Atomkraftgegner für 15. März einen Aktionstag vor dem Werk geplant, zu dem Unterstützer aus dem ganzen Land erwartet werden.


AKW-macht Indien

Der erste Atommeiler Indiens ging im Jahr 1969 ans Netz. Heute produzieren an drei Standorten insgesamt 20 Reaktoren Strom. Diese haben nach Angaben der Atomkraft-Gesellschaft Indiens (NPCIL) eine Gesamtleistung von 4780 Megawatt. Darunter finden sich zwei Siedewasserreaktoren, wie sie im japanischen Fukushima von der Katastrophe betroffen waren. Bei den restlichen handelt es sich um Druckwasserreaktoren. Die meisten AKW befinden sich zu Kühlungszwecken an der tsunamigefährdeten Küste. nd

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