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Vater fordert Gewaltverzicht

Nach tödlicher Messerattacke auf 18-Jährigen ist die Situation in Neukölln angespannt

  • Von Julian Mieth, dpa
  • Lesedauer: 2 Min.

Nach der tödlichen Messerattacke in Neukölln hat sich der Vater des 18-jährigen Opfers gegen jegliche Racheaktionen ausgesprochen. »Wir gehen darum nicht davon aus, dass die Freunde und Bekannten des Jungen Vergeltung üben werden«, sagte der Projektleiter der mobilen Jugendarbeit Outreach, Ralf Gilb, am Donnerstag. Problematisch seien aber Aufrufe im Internet von Leuten, die den Jungen überhaupt nicht kennen würden, sagte Gilb. »Bei Facebook gibt es regelrechte Hasstiraden. Was daraus entsteht, kann niemand wirklich beurteilen.«

Am Mittwochabend habe es ein Treffen mit dem Vater, der Polizei, Streetworkern und etwa 90 Jugendlichen aus der »Weißen Siedlung« im südlichen Neukölln gegeben. Dort war der 18-Jährige am Sonntagabend in der Fritzi-Massary-Straße nach einem Streit um ein Fußballspiel von einem 34-Jährigen erstochen worden. Ein Haftbefehl wegen Totschlags gegen ihn wurde nicht beantragt, da die Staatsanwaltschaft von Notwehr ausgeht.

»Der Vater hat an die Jugendlichen appelliert, auf jegliche Gewalt zu verzichten«, sagte der Sozialarbeiter. »Er hat akzeptiert, dass Gott seinen Jungen zu sich genommen hat. Das hat die Jugendlichen sehr bewegt.« Der Wille des Vaters habe in der muslimischen Kultur einen besonders hohen Stellenwert. Darum geht Gilb davon aus, dass sich die Jugendlichen an den Appell hielten.

Seit dem Angriff seien bis zu 14 Sozialarbeiter allein von Outreach in der Gegend im Dauereinsatz, berichtete Gilb. Viele hätten selbst ausländische Wurzeln und versuchten die Stimmung zu beruhigen. »Viele Jugendliche waren sehr wütend, als sie erfahren haben, dass der Täter wieder frei gekommen ist.« Zusammen mit der Polizei hätten die Sozialarbeiter aber den überwiegend muslimischen Jugendlichen deutlich machen können, dass dies nicht mit einem Freispruch zu vergleichen sei.

Nach Gilbs Worten galt der 18-Jährige als äußerst beliebt und engagiert im Viertel. Warum er bei dem Streit dabei war und ob er eventuell schlichten wollte, konnte der Streetworker nicht sagen.

Den Ermittlern zufolge hatten der 34-Jährige und ein 39 Jahre alter Begleiter bei einem Streit zwischen Fußballern zu schlichten versucht. Daraufhin verbündeten sich die Gruppen und griffen die Männer an. Sie flohen in eine Wohnung in der Fritzi-Massary-Straße. Dort kam es schließlich zu Auseinandersetzungen, bei denen der 34-Jährige mit einem Küchenmesser um sich stach und den 18-Jährigen traf. Er starb wenig später im Krankenhaus.

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