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Schöner schräger Vogel Mensch

Preis an Sophie Rois

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Wie ein tolles Huhn kann sie ihren Kopf in die leichte Schräge versetzen, von wo aus sie ruckartig Worte in die Welt hackt. Sie hackt oder sie huscht. Sie spitzt Blicke zu wie Schnäbel. Ein großartiger schräger Vogel Mensch.

Die Sanftheit röhrt, und handelte die Schauspielerin Sophie Rois mit Stacheldraht, sie würde jedes Stück verkaufen, als sei es eine Federboa. Sie kann beim Reden gleichsam singen. Hell und ölig. Sie pflanzt Ausdruck und zersägt ihn gleichzeitig. Bissig ist sie, aber sie beißt nur immer so weit zu, dass sie sich jede Chose auf der Zunge zergehen lassen kann.

Sie krächzt gern generalistisch, und mit dem Zeigefinger bohrt sie Löcher in die Luft, das können nur Sprenglöcher sein. Sie fällt auf der Bühne in anderer Leute Worte, wie ein Heer in erstarrte Völkerschaften einfällt. Hexe ist sie und Engel. Die Engelsflügel kampferzählend angesengt. Immer aber: freieste Existenz im Käfig Kunst.

Die 1961 im österreichischen Ottensheim geborene Tochter eines Lebensmittelhändlers verkörpert - erprobt und gestählt bei Castorf, Pollesch, Schlingensief, Marthaler den philosophischen, ästhetischen Grundtrick der Berliner Volksbühne: eine freche, unverschämte Kombination von schauspielerischer Höchstklasse und selbstbewusstem Dilettantismus. Das Leben bricht frei in die Kunst ein, und immer steht die Frage, wem von beiden das besser bekommt.

Manchmal lässt sie in ihrer hageren Schönheit an die verschmachtenden Asketinnen der Ufa-Filmzeit denken, die so sehnsuchtsvoll asketisch träumten. Dann wieder ahnt man, sie würde sehr gut einen verrückten Woody-Allen-Film aufmischen. Ihre größte Leistung an Ernsthaftigkeit: Sie setzt aufs Spiel - war bizarr schmächtige »Tatort«-Kommissarin, und als »Jedermann«-Buhlschaft in Salzburg torpedierte diese Diva aus Ruch und Röcheln herrlich schnoddrig die landläufigen Busenwundergewohnheiten.

Im Mai, beim Theatertreffen, erhält sie den im Best-Ruf stehenden Theaterpreis Berlin. Im Kerngelände ihres Spiels wird das Gerupfte in den Adel der Eleganz erhoben, und am Eleganten rupft sie herum, bis es gleichsam plebejisch ist. Sie ist kindlich, kindisch gewaltsam, wenn es gilt, das Mondäne mit dem Asozialen zu verkuppeln. In raunzigsten Momenten einer rotzigen Kulturlosigkeit zaubert sie mit Stille, Staunen, Schönheit.

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