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Schuldenschnitt löst nicht alle Probleme

Staatsbankrott abgewendet / Spekulanten zocken weiter

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

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In Griechenland gehen die Probleme auch nach dem Schuldenschnitt weiter - die Spekulanten reiben sich schon die Hände.

Griechenland hat sich Schulden in Höhe von etwa 100 Milliarden Euro entledigt. Damit ist der Weg frei für das neue 130 Milliarden Euro schwere internationale Hilfsprogramm und der Staatsbankrott abgewendet. Doch gerettet ist Griechenland damit längst nicht.

Per Email schickte das griechische Finanzministerium am frühen Freitag die frohe Kunde in die Welt hinaus: 85,8 Prozent der Privatgläubiger haben dem Schuldenschnitt zugestimmt. Überraschend viele, darunter Deutsche Bank und Allianz, Commerzbank und staatliche KfW. Damit ist der Schuldenschnitt »perfekt«, meint Commerzbank-Analyst Christoph Weil. Die Anleihegläubiger müssen auf 53,5 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Für den Schnitt werden Alt-Anleihen, die in den nächsten Jahren fällig sind, in neue umgetauscht, die teils bis zum Jahr 2042 laufen.

Der Schuldenschnitt geht aber weniger tief, als es auf den ersten Blick erscheint. So sind die neuen Anleihen mit 46,5 Prozent des alten Wertes weit mehr wert, als die alten auf dem freien Finanzmarkt. Dort konnten Verkäufer ihre griechischen Staatsanleihen zuletzt bestenfalls noch für 15 Euro pro 100 Euro Nominalwert verkaufen. Und für die neuen Wertpapiere bürgen nun alle Euroländer. Damit sind sie aus Sicht der Finanzmarktakteure besonders sicher und attraktiv. Ohnehin haben die meisten Investoren die Verluste längst verdaut: Beispielsweise hatte die Allianz in ihrer Bilanz Griechen-Anleihen von 1,3 Milliarden Euro schon 2011 auf 310 Millionen Euro abgeschrieben. Nach dem Tausch wird die Allianz jedoch neue Hellas-Papiere für über 600 Millionen Euro besitzen. Deren Zinssatz ist mit bis zu 4,3 Prozent doppelt so hoch wie für vergleichbar sichere Geldanlagen, etwa US-Staatsanleihen. Ein klares politisches Signal stellt es dar, dass die Tauschpapiere nach dem kapitalmarktfreundlichen britischen Recht ausgestaltet sind. Alles in allem signalisieren die Euro-Regierungen und die Europäische Zentralbank (EZB), dass sie die Investoren nicht verprellen wollen.

Aus Sicht Griechenlands ist knapp daneben auch vorbei. Zuvor hatte die Regierung des früheren Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank, Lukas Papademos, erklärt, dass der Schuldenschnitt bei einer Beteiligungsquote von weniger als 75 Prozent scheitern sowie bei einer von 90 Prozent und mehr reibungslos vonstatten gehen würde. Nun sind 85,8 Prozent zwar »überaus beachtlich«, wie Jens Kramer von der Norddeutschen Landesbank analysiert, aber eben nicht 90 Prozent. Und so könnte es zu einem gesetzlichen Zwangsumtausch für die restlichen Anleger kommen: »Die zentrale Frage ist nun«, so Kramer, »ob man es darauf ankommen lassen will, den Schuldenschnitt auch für Umtauschunwillige zu erzwingen.«

In diesem Fall würden höchstwahrscheinlich die Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) fällig. Ein Geschäft, das weltweit 20 Großbanken beherrschen, die sich damit gegenseitig absichern; und zudem ein Geschäft, das lange als politisches Druckmittel ausgenutzt wurde. So beträgt das Bruttovolumen zwar knapp 70 Milliarden Dollar, da aber viele Investoren zugleich Käufer und Verkäufer von CDS sind, reduziert sich der Nettoeffekt auf nur etwas 1,7 Milliarden Dollar. Davon dürften dann vornehmlich Spekulanten und private Anleger profitieren, die mit CDS zockten, ohne selbst griechische Staatspapiere zu besitzen.

Um die Finanzmarktakteure zu beruhigen, könnte Griechenland aber auch auf einen Schuldenschnitt bei den überwiegend kleineren Anlegern verzichten, die sich dem Umtausch verweigern. Auch so würde die Schuldenlast um rund 100 Milliarden Euro reduziert. In einer Telefonkonferenz gaben am Freitagmittag die Finanzminister der Eurozone das 130-Milliarden-Rettungspaket frei, mit dem Griechenland in den kommenden Jahren seine Staatsschulden finanzieren kann. Trotzdem bleiben die Schuldenlast Griechenlands sehr hoch und die Wirtschaftsprobleme ungelöst.


Notverkauf

Aus finanzieller Not will der Enkel des ersten Marathon-Olympiasiegers den Siegespokal verkaufen. Der griechische Nationalheld Spyridon Louis hatte den Pokal für den Triumph bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen bekommen. Die Versteigerung soll am 18. April bei Christie's stattfinden. Der Anfangspreis beträgt 144 000 Euro. »Es war keine leichte Entscheidung. Ich und meine Kinder sind damit aufgewachsen. Ich konnte aber nicht anders«, sagte der gleichnamige Nachfahr Spyridon Louis. Vorschläge, den silbernen Pokal an ein griechisches Museum oder an den Staat zu verkaufen, seien fehlgeschlagen: »Sie sagten, sie haben kein Geld.« Wegen der Finanzkrise sind viele Griechen in Not. Mehr als 21 Prozent sind arbeitslos. dpa

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