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DIE MEMOIREN VON DIETMAR KELLER

  • Von Hans-Joachim Schäfers
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mir imponiert, mit welchem Selbstvertrauen und welcher Zielstrebigkeit, Ernsthaftigkeit, Neugier und Engagement Dietmar Keller sein Leben lebte und wie er gleichfalls aufrichtig und ungeschönt darüber berichtet. Seine »Unzeitgemäßen Erinnerungen« offerieren ein Kapitel unserer Kulturgeschichte. Er bietet Nachdenkenswertes wie Kurioses. Interessant und aufschlussreich sind auch die hier geschilderten Begegnungen mit national wie international berühmten Künstlern und anderen Persönlichkeiten.

Geboren in einer sächsischen Arbeiterfamilie, erlebte Dietmar Keller 1945 die Zerstörung seiner Heimatstadt Chemnitz. Krieg und Nachkriegszeit hinterließen Narben, motivierten aber auch, sich zu engagieren. Eigentlich wollte er Sportreporter werden, schon vor dem Abitur probierte er sich in diesem Metier aus. Keller studierte dann jedoch Geschichte an der Alma Mater Lipsiensis und veröffentlichte bereits als Assistent und Oberassistent beachtenswerte Arbeiten.

Karriere sollte er jedoch in der Politik machen. Und diese begann schon an der Universität, als Keller hauptamtlicher Parteifunktionär wurde; sie setzte sich fort in der SED-Bezirksleitung Leipzig und führte schließlich bis zum Amt eines stellvertretenden Ministers in der DDR. Gekrönt wurde sie mit der Berufung zum Minister für Kultur in der Regierung von Hans Modrow 1989. Im März 1990 wurde Keller für die PDS in die Volkskammer gewählt und gehörte später dem Deutschen Bundestag an.

Keller »konnte« offensichtlich mit Künstlern und Schriftstellern - und dazu bedarf es einer besonderen Gabe. Er hat ihnen in der DDR viele Freiräume verschafft, hat Kritik durchaus gefördert und in Ungnade Gefallenen geholfen. In Leipzig gab es zu seiner Zeit eine liberalere Kulturpolitik als in anderen Bezirken, wofür der Autor jede Menge Kritik von Vorgesetzten einstecken musste. Keller berichtet: »In diesem Spiel war ich nur der Hamster im Laufrad ..., die Entscheidung war immer schon an anderen Schreibtischen gefallen. Wer die Macht in Berlin in Frage stellte, gehörte zu den Verlierern.« Er bemühte sich dennoch stetig um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Künstler in »seinem« Bezirk. Umso enttäuschter war er, dass mancher dies nach 1990 nicht mehr wahrhaben wollte.

Wer sich für Kulturpolitik oder kulturelle Entwicklung in der DDR in den 70er und 80er Jahren interessiert, wird hier fündig. Ab dem 1. April 1984 war Keller im Ministerium für Kultur, »kein bitterböser Aprilscherz, sondern harte Realität«. Bereits seine erste Idee, eine Arbeitsgruppe mit den kreativsten Köpfen der Gesellschaftswissenschaften zu gründen, um das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium an den Kunsthochschulen und Fachschulen durch Geistes- und Religionsgeschichte sowie Ethik, Moral und Ästhetik zu ergänzen, verdient Beachtung. Doch nicht nur die Hardliner im Ministerium empörten sich, die allmächtige Abteilung Wissenschaften beim ZK der SED wies Keller in die Schranken.

Sehr wichtig war ihm seine Arbeit als Vorsitzender des Rates für Denkmalpflege. Viele interessante, oft unbekannte Details erfährt der Leser über die deutsch-deutschen Kulturbeziehungen. Anständig finde ich, dass Keller dem DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann verdiente Ehre erweist.

Über seine eigene Arbeit in Berlin vermerkt er, dass sie ihn »nach und nach verdammt dünnhäutig machte«. Deutlich wird, dass Keller nie bereit war, sich blind anzupassen. Über seine 121 Tage in der Modrow-Regierung schreibt Keller: »Ich wollte einen anständigen Job machen und glaube, ich habe ihn gemacht ... Die Kulturlandschaft der DDR und ihre Künstlerinnen und Künstler in die beginnende Marktwirtschaft einfühlsam und besonnen zu führen, sie dabei einigermaßen ›weich landen‹ zu lassen, war neben der Wiederherstellung der Freiheit der Kunst und Kultur meine wichtigste Aufgabe.« Die letzten Kapitel im Buch über seine Arbeit im Bundestag sowie als Berater der PDS-Fraktion machen betroffen ob vielfacher herben Enttäuschungen.

Dietmar Keller resümiert: »Mit Freude, Bereitschaft und aufklärerischem Willen habe ich in der DDR gelebt, ihr gedient ... Sich einzubringen und zu versuchen, unter schwierigen Umständen zu verändern, war nötig. Dem habe ich mich, so glaube ich jedenfalls, solange das Land existierte, gestellt. Lange habe ich allerdings den Mechanismus des Machtapparates einer allein herrschenden Partei nicht richtig begriffen. Letzten Endes wollte ich Ideale durchsetzen, die dieses System zwar postuliert hatte, die jedoch mit ihm unvereinbar waren. Das zu spät begriffen zu haben, war mein Fehler ... Dafür hatte ich meinen Preis zu zahlen, und ich habe ihn bezahlt.«

Dietmar Keller: In den Mühlen der Ebene. Karl Dietz Verlag. 255 S., geb., 24,90 €.

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