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Nahost-Konflikt in Kreuzberg

Der Film »Kaddisch für einen Freund« beleuchtet die Völkerverständigung mal anders

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Leo Khasins Debütfilm »Kaddisch für einen Freund« erzählt die vielbeschworene multikulturelle Völkerverständigung in Kreuzberg einmal anders als über die farbenprächtigen Bilder des Karnevals der Kulturen.

Als Leo Khasin noch Zahnarzt war in einer Praxis am Mehringplatz, konnte er in seinem Wartezimmer hautnah beobachten, wie wenig Kommunikation es oft gab zwischen den Kreuzberger Migranten verschiedener Herkunft. Ein alter russischer Jude, der einem arabischsprachigen Jungen Mut machte, als der ins Sprechzimmer gerufen wurde und sichtlich erbleichte, war nach seiner Erfahrung ein so ungewöhnliches Vorkommnis, dass Khasin den Anblick nicht wieder vergaß. Als er den Beruf wechselte und Regisseur wurde, wurde sie zur Keimzelle seines ersten Films.

Ali und Alexander, seine beiden Helden, trennen siebzig Jahre Lebenserfahrung und das Minenfeld des Nahostkonflikts. Ali, 14, ist Palästinenser und mit seiner Familie vor dem Krieg aus dem Libanon geflohen, doppelt entwurzelt also und ein Neuling auf den Kreuzberger Straßen. Alexander, 84, ist russischer Jude und Weltkriegsveteran - ein Foto an der Wand seiner Wohnung weist ihn als einen der Befreier Berlins aus -, ein knorziger, leidgeprüfter Mann, der nach Israel auswanderte, dort seine Zukunftshoffnung verlor und nun schon drei Jahrzehnte in Kreuzberg lebt.

Beide haben sie Kriege durchlitten, der eine als Kämpfer gegen das nationalsozialistische Deutschland, der andere als Zivilist im Libanonkrieg. Beide sind sie von den deutschen Behörden abhängig: Ali, weil seine Familie bisher nur eine Duldung hat, keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Und Alexander, weil die zuständigen Sozialamtsmitarbeiter ihn nach ein paar Vorfällen mit Herdplatten und überlaufenden Waschmaschinen am liebsten im Altersheim unterbringen würden. Ein Ansinnen, dem sich Alexander, dem außer seiner Eigenständigkeit und ein paar Erinnerungsfotos nicht viel geblieben ist, zäh widersetzt.

Als Ali sich von der Bande halbkrimineller arabischer Jugendlicher, der sein Cousin angehört, zu einer Mutprobe herausfordern lässt, die mit der Verwüstung von Alexanders Wohnung endet, haben beide ein Behördenproblem mehr. Wenn Ali, der sich von Alexander erwischen ließ, verurteilt wird wegen des Einbruchs - oder, schlimmer noch, wegen Volksverhetzung, der rassistischen Parolen wegen, die er auf den Wänden »des Juden« hinterließ -, droht seiner Familie die Abschiebung. Und Alexander angesichts der verwüsteten Wohnung nun erst recht die Einweisung ins Altersheim. Um den GAU zu verhindern, schließt man einen Pakt, den Alis hochschwangere Mutter vermittelt: Wenn Ali die Wohnung saniert und Alexander damit das Sozialamt vom Hals schafft, wird der seine Anzeige zurückziehen, damit es nicht erst zur Verhandlung kommt. Ein Ausweg, den beide widerstrebend akzeptieren. Und den Ali vor seinem Vater geheim halten muss, von dem er seinen unreflektierten Hass auf alle Juden gelernt hat - schließlich lebte der Großvater noch bei Haifa, ist die Vertreibung durch die Israelis seitdem ein identitätsstiftendes Moment für die Familie gewesen.

Aber auch Alexander muss sich in seiner Vereinigung russisch-jüdischer Weltkriegsveteranen anhören, dass er »diesen Terroristen«, diesen jungen Araber, auf keinen Fall in seiner Wohnung dulden dürfe, das sei gefährlich, »die« seien ja alle unberechenbar, und man habe vorsorglich Geld gesammelt für eine professionelle Sanierung. Dass Khasin eigene Erfahrungen aus der jüdischen Gemeinde mitbringt, ist diesen Szenen anzumerken. Die arabischen Klappmesserträger sind ihm ein bisschen holzschnittartiger geraten, die deutschen Behördenvertreter kaum mehr als Karikaturen. Aber Neil Belakhdar als Ali und Ryszard Ronczewski als Alexander spielen ihre allmähliche Annäherung, ihre persönliche Überwindung des nach Kreuzberg verlängerten Nahost-Konflikts so wahrhaftig, das man sich freuen darf über diesen Film, der Versöhnung predigt, ohne die Mühen zu verschweigen, die sie kostet.

»Kaddisch für einen Freund« startet heute in den Kinos.

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