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Ein allgemeiner Tumult auf St. Afra

Meißner Gymnasiasten erforschen die rebellische Geschichte ihrer Vorfahren

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Links Ephraim Bernhardt, rechts Martin Streichhardt, Lessing in der Mitte
Links Ephraim Bernhardt, rechts Martin Streichhardt, Lessing in der Mitte

Das Zeugnis am Schultor ist tadellos. Von 1741 bis 1746, so ist auf einer weißen Tafel aus Meißner Porzellan neben dem hohen Portal zu lesen, besuchte Gotthold Ephraim Lessing die »auf diesem Areal befindliche Fürstenschule St. Afra«. In Kamenz geboren, kam Lessing im Alter von zwölf Jahren in die Einrichtung auf dem Meißner Domberg. Sie sollte, so hatte ein mildtätiger sächsischer Fürst 200 Jahre zuvor verfügt, auch Landeskindern aus weniger begüterten Familien den Zugang zu erstklassiger Bildung ermöglichen. Die Zeit in der Schule, die da noch im Vorgänger des heutigen, klassizistischen Gebäudes untergebracht war, ist allem Anschein nach auch Lessings Entwicklung förderlich gewesen. Er habe, so wird auf der Tafel ausgeführt, später »zu den hervorragendsten Vertretern der deutschen Aufklärung« gehört.

Eingangstür des Meißener Gymnasiums
Eingangstür des Meißener Gymnasiums

So lesen es Touristen, die den steilen Aufstieg geschafft und sich auf dem Weg zum Dom in den winkligen Gassen womöglich ein wenig verlaufen haben; so haben es auch viele heutige Schüler von St. Afra vermutlich einmal im Vorbeigehen wahrgenommen. Allzu große Aufmerksamkeit werden sie der Tafel und ihrem für Gymnasiasten nicht überraschenden Inhalt kaum geschenkt haben. Verblüfft wären sie indes wohl gewesen, hätten sie auch lesen können, dass der zukünftige Aufklärer in seinem zweiten Schuljahr zum Aufwiegler wurde. Dass er in einen Tumult verwickelt war, in dessen Verlauf auf dem Schulhof sogar Steine flogen. Dass er seine Reimkunst verwendet haben soll, um Verse wider den Schulverwalter zu verfassen, und seine Laufbahn auf St. Afra aufs Spiel setzte, weil er gegen die Autoritäten aufbegehrte. Dazu schweigt die weiße Tafel.

Wer sich für den Rebell Lessing und den Tumult auf St. Afra interessiert, muss sich mit Martin Streichardt und Ephraim Bernhardt verabreden. Die beiden 17-jährigen Gymnasiasten haben sich im vorigen Jahr tief in staubige Akten, historische Schülerverzeichnisse und penibel geführte Protokolle fürstlicher Kommissionen gewühlt, um die Chronik eines Skandals aufzuschreiben. Anlass war eine Einladung des Bundespräsidenten. »Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte« hatte Christian Wulff als Motto für die 2011er Auflage eines Geschichtswettbewerbes ausgewählt, über den er und seine Vorgänger bereits seit fast 40 Jahren präsidieren. Angesichts des Ärgers und der Empörung, die über den seither von dem Amt zurückgetretenen CDU-Politiker kurze Zeit später hereinbrachen, hat er die Wahl des Mottos zwischenzeitlich womöglich bereut. In St. Afra allerdings hat der Wettbewerb zu einem erstaunlichen Erkenntnisgewinn geführt - und dazu, dass der Mann, dessen Büste im Erdgeschoss auf einem Sockel steht, den Schülern persönlich vielleicht sogar ein wenig näher gekommen ist.

Bevor das Gespräch darauf kommt, zeigen Martin und Ephraim ihre Schule - zuvorkommend, ausnehmend höflich und mit viel Stolz. Sie führen durch die Bibliothek, in der viele historische Bände stehen, vor allem aber zahllose Fachbücher, Lehr- und Nachschlagewerke - »alles in allem 36 000«, sagt Martin. Sie erlauben einen Blick in Unterrichtsräume, in denen Schüler auch am Nachmittag konzentriert über Laptops sitzen. Sie geleiten durch Fachkabinette und an Tafeln vorbei, auf denen ein Mitschüler eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema »Exoplaneten« präsentiert. Der Beitrag, für Laien kaum verständlich, hat beim Bundeswettbewerb »Jugend forscht« die Juroren beeindruckt; es gab einen Preis.

Eine Ausnahme ist das in St. Afra nicht: Regelmäßig beteiligen sich Meißner Gymnasiasten an Leistungsvergleichen in Sprachen und Mathematik, Musik oder eben Geschichte; oft räumen sie Preise ab. Auch Martin Streichardt und Epharim Bernhardt erhielten für ihre Forschungen über den - wie es im Titel heißt - »fast allgemein gewordenen Tumult« aus den Tagen Lessings im Bundesvergleich den zweiten Preis. »Wir werden zur Teilnahme an solchen Wettbewerben angespornt«, sagt Ephraim. Kein Wunder: Das Motto der Schule, in Stein gemeißelt über einer Glastür im Innenhof zu lesen, lautet »Sapere aude«. Der Aufklärer Immanuel Kant übersetzte es so: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«

Der Mut von Schülern, ihren Verstand anzuwenden und die Verhältnisse, in denen sie lebten, zu analysieren, stand vermutlich auch am Anfang der Ereignisse, über die Ephraim Bernhardt und Martin Streichardt forschten. Sie berichten darüber in der großzügigen Kantine mit Blick auf das Elbtal und das kleine Spaargebirge. Der Speisesaal im alten Schulgebäude war bescheidener; vor allem aber war in Lessings Schultagen das Essen hundsmiserabel. In Briefen und Aufzeichnungen lasen die beiden Gymnasiasten Klagen darüber, dass im Getreide Rattenkot gefunden und statt Fleisch nur Knochen aufgetischt wurden. Auch die Betten der Internatsschule seien nass, weil es durch die Dächer regne, beschwerten sich die damaligen Schüler - die den Verwalter aufs Korn nahmen. Er war für Essen, Unterkunft und Reparaturen zuständig, wirtschaftete aber in die eigene Tasche.

Zum Aufruhr kam es, als am 22. September 1743 Richtfest für ein Haus gefeiert wurde, das sich der Verwalter gegenüber der Schule hatte bauen lassen. Während sich dort die Tafeln bogen, saßen die Schüler beim üblichen kargen Mahl. Beim Blick aus dem Fenster »müssen sie die Fassung verloren haben«, sagt Martin. Ein Teil der Schülerschaft randalierte in der Mensa, andere zogen auf den Hof, pfiffen auf Schlüsseln und brüllten Schmährufe - in Reimform. »Was du uns gestohlen«, skandierten sie, »das soll der Teufel holen.«

Die Vermutung, dass diese Zeilen von Lessing stammen, sei nicht zu halten, sagen die beiden jungen Historiker; er könne indes sehr wohl als Autor eines dreiseitigen Schreibens vermutet werden, in dem sich die Schüler später beim Rektor für den Tumult entschuldigten - auch in Versform. »Das wäre das erste veröffentlichte Gedicht Lessings«, sagt Ephraim; ein Dokument der Reue, die freilich angebracht war: Als Skandal waren die Vorfälle mit Fug und Recht anzusehen, auch wenn Nachrichten darüber jenseits der Schulmauern nicht publik wurde. Er bestand vor allem darin, dass sich junge Zöglinge gegenüber der Obrigkeit empörten: »Eine Rebellion von Schülern gegen Erwachsene«, sagt Martin, »das war unerhört.«

Ein rebellischer Geist ist dieser Tage nicht zu spüren in den Gängen des Schulgebäudes von St. Afra. Vielmehr herrscht eine konzentrierte Stille im Haus auf dem Meißner Domberg, das gründlich saniert und dessen moderne Internatsgebäude gänzlich neu gebaut wurden, bevor die Fürstenschule im Jahr 2001 als »Sächsisches Landesgymnasium St. Afra« neu eröffnet wurde. Sie bleibt nach wie vor dem Prinzip treu, wonach die begabtesten Landeskinder besonders gefördert werden - unabhängig vom sozialen Stand der Eltern: Verdienen die zu wenig, »gibt es einen Zuschuss für Verpflegung und Unterkunft«, sagt Martin.

Wenn das Gymnasium dennoch als Schule für eine Elite bezeichnet wird, dann gilt das am ehesten für die Leistungen ihrer Schüler: Wer an das heutige Landesgymnasium St. Afra will, muss zuvor durch gute Noten geglänzt haben und anspruchsvolle Prüfungen bestehen; er muss zudem für geeignet gehalten werden, sich in den Alltag einer Internatsschule einzupassen, die intellektuelle Freiheit nur im strengen organisatorischen Korsett ermöglicht: Das Frühkonzil, eine Schulversammlung, beginnt 7.25 Uhr, dann folgen Unterricht und Nachmittage voller »Addita«, wie zusätzliche Vertiefungskurse heißen. Pflicht sind auch die Arbeit in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern, verbindlich sind Versammlung und Unterricht am Samstagvormittag. Nach Hause geht es alle paar Wochen.

Im Gegenzug stehen den Gymnasiasten freilich viele Möglichkeiten offen: Während Ephraim und Martin durch das Haus führen, spielen Mitschüler in der großen Aula Theater oder üben in Separees auf Instrumenten; andere besprechen sich in Sitzecken auf dem Flur mit ihren Lehrern, die hier Mentoren heißen. Der Begriff verweist auf den wissenschaftlichen Anspruch, der zumindest in den höheren Klassen schon gilt, und auf ein eher kollegiales denn von Autorität geprägtes Verhältnis. Es hat sich viel geändert seit den Zeiten Lessings, als nach dem Tumult der Landesherr persönlich eine Untersuchungskommission schickte. »Wir Schüler haben heute ganz andere Rechte«, sagt Martin. »Wir werden«, ergänzt Ephraim, »nach unserer Meinung gefragt und haben Mitverantwortung.« Mehr denn je gilt der Spruch »Sapere aude«: Nutze Deinen Verstand!

Eine Rebellion, fliegende Steine, böse Schmährufe? In St. Afra heutzutage schwer vorstellbar. Anlass gibt es im Gymnasium selbst augenscheinlich nicht. Trotzdem »stellt man sich natürlich die Frage, ob wir uns das heute trauen würden und wie wir mit solchen Missständen umgehen würden«, sagt Martin in der Mensa mit dem schönen Ausblick. Die Stadt liegt idyllisch und ein wenig verschlafen vor den Fenstern. Anderswo sind die Zustände weniger friedlich. Wochen zuvor waren es auch Schüler und Studenten, die vor Bankzentralen gezogen sind, Zeltlager in Innenstädten aufgeschlagen und Parolen gegen ein Wirtschaftssystem gerufen haben, dem die Mildtätigkeit von Reichen, geschweige denn eine von vornherein gerechte Verteilung von Reichtum, fremd geworden sind.

Martin und Ephraim haben nicht zu den »Occupy«-Protestierern gehört. Noch nicht? Die Missstände, gegen die jetzt mobilisiert wird, sind, anders als jene in Lessings Zeiten, auf dem Domberg und in St. Afra nicht unmittelbar zu spüren. Für Unmut sorgt hier höchstens das strikte Alkoholverbot im Internat, das auch die bereits 18-Jährigen trifft. Aber »das ist eine Einschränkung, mehr nicht«, sagt Ephraim. Ein Anlass zum Aufstand ist es nicht. Vielleicht folgt der ja später: Wenn der auf St. Afra geschärfte Verstand auf Verhältnisse trifft, in denen sich die einen auch 260 Jahre nach Lessing maßlos bereichern und andere mit Brosamen abgespeist werden. Wie lautete das Wettbewerbsmotto? »Ärgernis, Aufsehen, Empörung«. Viele meinen: Es wäre an der Zeit.

Martin und Ephraim haben mit ihrer Arbeit über den »fast allgemein gewordenen Tumult« zunächst einmal abgeschlossen. Die Schul- und die Stadtbibliothek erhalten je ein Exemplar, eine Ausstellung im Schulflur wird um ihre Erkenntnisse ergänzt. Derweil haben sie sich neuen Themen zugewandt, neue Wettbewerbe laden zur Teilnahme, bald steht das Abitur an. Was dann kommt? Wer weiß. Ihren Verstand, das hat ihre Arbeit gezeigt, wissen sie zu nutzen. Und auch Lessing hat, von der Teilnahme an einem Aufstand abgesehen, in St. Afra ja zunächst einmal nur geistiges Rüstzeug erworben.

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