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Unter Geiern

Karl May und sein Spätwerk. Ein Symposium in Leipzig

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Sie kreisen: über des »Maysters« Worten, Werken und Wirken. Seit Karl May am 30. März 1912 mit den - allerdings nur von seiner Witwe Klara bezeugten - Worten »Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles rosenrot« in der Radebeuler Villa »Shatterhand« verschied, entgehen kein Detail, keine Notiz, kein Nebensatz den unerbittlichen und unermüdlichen Augen der Exegeten. Sie spinnen Fäden, die vorhandene Interpretationsmuster weiter verdichten, oder legen Dominosteine an, die einer neuen respektive bislang unbekannten Linie in Leben, Leiden und Literatur des sächsischen Großfantasten die Richtung weisen.

Die dominierende Richtung seiner Anhänger und Apologeten ist indes unübersehbar: Es geht darum, Karl May vom Ruch des Trivial- und Kolportageautors, vom Klischee des Abenteuer- und Jugendschriftstellers zu befreien.

Ein Anliegen, das May in seinem letzten Lebensjahrzehnt selbst vehement verfolgte - mit ebensolchem Eigensinn, wie er zuvor seine angebliche Identität mit den Romanhelden Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi behauptet und verteidigt hatte.

Literarisch fand dieses Bestreben Ausdruck im sogenannten Spätwerk Mays, dessen Beginn 1899 angesetzt wird und zu dem folgende Schriften gehören: Die Reiseerzählungen »Am Jenseits«, »Et in terra pax / Und Friede auf Erden!«, »Im Reiche des silbernen Löwen« III und IV, »Ardistan und Dschinnistan« I und II, »Winnetou IV« sowie der Gedichtband »Himmelsgedanken« und das Drama »Babel und Bibel«.

Dieses Spätwerk in seiner Breite zu ermessen und in seinen Tiefen auszuloten, lud die Karl-May-Gesellschaft (KMG) kurz vor dem 100. Todestag ihres Namensgebers zu einem Symposium ins Haus des Buches nach Leipzig: »Karl May im Aufbruch zur Moderne«. »Eine Verbeugung vor Sachsen«, der Heimat des Dichters, wie KMG-Vorsitzender Johannes Zeilinger betonte. Und ein veritabler Gipfel von May-Experten. Wobei der Gipfel-Begriff gewiss den Geschmack des in diesem Jubiläumsjahr (am 25. Februar war zudem der 170. Geburtstag) mit viel Publizität gefeierten rastlosen Romanciers getroffen hätte. Nicht nur, weil sein zu Lebzeiten von der Öffentlichkeit schnöde und lieblos behandeltes Spätschaffen - das May als sein »eigentliches« Werk sah - die Weihen der Wissenschaft erhielt, sondern auch, weil der Gipfel, die Höhe, das Oben entscheidende Bezugspunkte in Werk und Weltschau des fantastischen Fabulierers waren. Mays fiktive Reisen führten immer »nach oben«, konstatierte der Kieler Literaturwissenschaftler Martin Lowsky auf dem Leipziger Symposium. Von den Great Plains zum Felsengebirge, von der Prärie zum Mount Winnetou, von der Wüste zum Dschebel Marah Durimeh ...

Ein Aufwärtsstreben, das sich nicht im Geografischen erschöpfte, sondern in diesem seine irdische Verbildlichung fand, deren Symbolismus immer auch das Ethische meinte, die Suche und Ausformung des Guten, des Besseren im Menschen. Auch und nicht zuletzt im Menschen May.

Ein Empor-Streben, das gespeist wurde durch die Utopie einer neuen, von pazifistisch-humanitären Idealen bestimmten menschlichen Gemeinschaft, die Karl May - besonders in »Ardistan und Dschinnistan« - in mythologischen Gefilden ansiedelte. So der Literaturwissenschaftler Hartmut Vollmer aus Paderborn, der mit Blick auf das Spätwerk May einen »visionären Dichter« nannte.

Aber zugleich war der kleine Mann mit dem großen Anspruch ein Dichter, dessen Bildungshorizont solide Kenntnisse der Philosophie seiner Zeit einschloss. Dass dazu das Werk von Philipp Mainländer (1841-1876) zählte, war eine Überraschung, die allein schon den Besuch der zweitägigen Veranstaltung im Haus des Buches lohnte. Ist doch dieser deutsche Denker ein eher wenig bekannter Philosoph in der Nachfolge Arthur Schopenhauers. Des Letzteren Pessimismus trieb Mainländer auf die Spitze und sah die Erlösung der Menschheit einzig in deren eigener Vernichtung. Persönlich folgte er durchaus konsequent seiner Lehre: Am 1. April 1876 stieg er auf einen Stapel Belegexemplare seiner »Philosophie der Erlösung« - und erhängte sich.

Bezüge zu Mainländers Denken machte der Berliner Philosoph Winfried H. Müller-Seyfarth in »Ardistan und Dschinnistan« aus. Speziell in der Sentenz des Maha-Lama: »Als er (Gott) das All schuf, vernichtete er sich selbst. Der Geist verwandelte sich in Stoff; der Schöpfer wurde Geschöpf. Um sich als Gott wiederherzustellen, muss er den Stoff in Geist zurückverwandeln, muss er die Schöpfung wieder vernichten ...« May setzt indes diesen Vernichtungsobsessionen seinen Edelmenschen (eine Replik auf Friedrich Nietzsches Übermenschen) entgegen, dem Willen zum Tode den Willen zum (ethisch besseren) Leben.

Mit derart überhöhten symbolistischen Ambitionen stieß May auf Unverständnis und Ablehnung bei seinen bisherigen Lesern, die ihm willig und freudig gefolgt waren durch die Wüste und die Prärie, von New Orleans nach San Francisco und von Bagdad nach Stambul, ins Land des Mahdi und an den Stillen Ozean. Ein Schicksal, das leider auch sein politisch ambitioniertestes Werk teilen musste: »Und Friede auf Erden!«.

Immerhin war dieser Text, wie der Münchner Philosoph Peter J. Brenner ausführte, »der am tiefsten auf aktuelle Ereignisse reagierende«, den May je verfasste. Ursprünglich geschrieben als Beitrag für einen Sammelband über China, konterkarierte May indes die mit dieser Publikation beabsichtigte Glorifizierung der kolonialistisch-imperialistischen Intervention im Gefolge des »Boxer-Krieges« 1900/1901. Der Radebeuler Autor setzte dem geplanten Gewaltdiskurs sein neutestamentliches Friedenspathos in Form eines Agitationsromans entgegen. Brenner betrachtete dieses Werk denn auch weniger als literarisches, sondern vor allem als kulturhistorisches Dokument, das Karl Mays Bruch mit dem herrschenden Denken und dem Denken der Herrschenden im wilhelminischen Deutschland markierte. Mit Blick auf den Titel der Veranstaltung, so der Referent, war May damit ausgesprochen »unmodern«. Modern - im Sinne des von Max Weber propagierten okzidentalen Rationalismus - war Wilhelm II. mit seiner »Hunnenrede«.

Dass Mays weltethische Idee der Rassenverbrüderung allerdings nicht jene (unmoderne) Außenseiterposition besetzte, wie das heute erscheint, erhellte der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta anhand des Rassendiskurses um 1900. Letzterer, so Pyta, sei nämlich weit mehr kulturanthropologisch als biologistisch geführt worden. Der fortschrittsoptimistische Aspekt zeigte sich dabei besonders in Bezug auf den nordamerikanischen »melting pot«, das angebliche Laboratorium zur Höherentwicklung der Menschheit - eine Vorstellung, an die May, ausdrücklich in seinen Amerika-Romanen, ideell anknüpfte.

Modern im avantgardistischen Sinne war May auch, als er im Gefolge seiner Freundschaft mit dem Bildhauer und Maler Sascha Schneider (1870-1927) nach Wegen optisch-illustrativer Umsetzung der Spättexte suchte, deren Symbolismus er mittlerweile auch in seine früheren Reiseerzählungen hineininterpretierte (worin ihm Literaturwissenschaftler heute weitgehend folgen). Die Kunsthistorikerin Christiane Starck aus Frankfurt am Main zeigte in Leipzig die kongeniale Umsetzung Mayscher Intentionen in den von Sascha Schneider geschaffenen Titelbildern für die Gesammelten Werke - ein Weg des Wandels, auf dem May/Schneider die Leser leider wiederum nicht folgten.

Dass Karl May in seiner letzten Dekade auch ausgesprochen »Wunderliches« produzierte, legte Ulrich Scheinhammer-Schmid aus Neu-Ulm anhand des May-Textes »Frau Pollmer, eine psychologische Studie« dar, einer bizarr-schonungslosen Abrechnung mit Emma, der ersten Frau des Dichters, von der sich dieser 1903 hatte scheiden lassen.

Auch hundert Jahre nach dem Tod Karl Mays lohnt es, den literarischen Kosmos dieses alles andere als trivialen Dichters zu erschließen. Den guten Geiern sei Dank. Mögen sie weiter kreisen.

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