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Vergeblich, trostlos, großartig!

Leipziger Buchmesse ehrt Wolfgang Herrndorf, Jörg Baberowski und Christina Viragh

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Menschentrauben, Countdown, Schlag 16 Uhr ein ohrenbetäubender Tusch: Nunmehr zum achten Mal wurde in der Glashalle, als Höhepunkt des ersten Tages, der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Gebührender Rummel für das Finale eines Wettbewerbs, an dessen Beginn deutschsprachige Verlage 460 neue Bücher eingereicht hatten. Fünfzehn davon hatte die Jury - sieben Kritiker unterm Vorsitz der »Zeit«-Journalistin Verena Auffermann - in die engere Auswahl gezogen, jeweils fünf neue Werke in den Kategorien Übersetzung, Sachbuch sowie Belle- tristik.

Vierzehn nominierte Autoren harrten gemeinsam mit Hunderten Messebesuchern der Entscheidungsverkündung, mit der es die Organisatoren nicht eilig hatten. Einer aber fehlte, genau wie im vergangenen Jahr: Publikumsfavorit Wolfgang Herrndorf. War er 2011 mit »Tschick« noch leer ausgegangen - diesmal wurde dem 46-Jährigen für seinen neuen Roman »Sand« die verdiente Ehre zuteil. Robert Koall, Dramaturg am Dresdner Staatsschauspiel, nahm den Belletristik-Preis für seinen Freund entgegen. Herrndorf, mutmaßte Koall, verfolge die erstmals live ins Internet übertragene Veranstaltung wohl am heimischen Bildschirm. Und sei glücklich. Der abwesende Schriftsteller ließ Dank und Grüße ausrichten.

Dass auf der Bühne nicht ein einziges Mal das Wort auf Herrndorfs schwere Krankheit kam, heißt, dass das Votum für »Sand« ausschließlich als Würdigung eines herausragenden literarischen Werks verstanden werden will. Man wollte dem Autor so unbefangen wie möglich begegnen. »Höchste Unabhängigkeit oder Schweigen« - diese Maxime ihres Kritiker-Idols Walter Boehlich hatte Verena Auffermann schon in ihrer einleitenden Ansprache aufgerufen, um auf die großen Herausforderungen der Juryarbeit aufmerksam zu machen: unabhängig von Marktdruck, Zeitgeist und persönlichem Geschmack zu einer gerechten Entscheidung zu finden.

Eine »monströse Aufgabe«, drei »beste« Bücher benennen zu sollen. Den Vorwurf der Willkür und Unausgewogenheit kennen die Juroren gut. Warum so wenig Frauen? Weshalb keine Sprachexperimente? Wieso keine unabhängigen Verlage? Auffermann wusste darauf eine Antwort: »Wir sind Leser, keine Statistiker.« Neben der literarischen Kompetenz der Juroren befähige Begeisterung für das Buch jede und jeden von ihnen. Trotz unterschiedlicher Ansprüche und Herangehensweisen habe sich die Jury auf jeden Preisträger mit mindestens vier von sieben Stimmen geeinigt. In einem Falle - man ahnte, in welchem - seien es sogar sechs gewesen.

Johanna Ardojan (FAS) hielt die Laudatio auf den »großen Erzähler« Wolfgang Herrndorf. Dessen furioser Roman »Sand«, angesiedelt in einer nordafrikanischen Wüstenlandschaft in den frühen Siebzigern, Agententhriller, Wortcomic und atemloser Zusammenschnitt quasi filmischer Sequenzen zugleich, stellt einen Mann in seinen Mittelpunkt, der verfolgt und gefoltert wird, ohne zu wissen, warum. Er hat sein Gedächtnis verloren. »Im Grunde«, so die Laudatorin, »handelt ›Sand‹ von der Sinnlosigkeit jeglichen Tuns und von Vergeblichkeit. Es kommt ja eh immer anders, als man denkt.« Nihilismus also? Aber einer, der sich die Freude am Leben nicht nehmen lässt. »Was diesen Roman so einzigartig macht, ist, mit welcher Leichtigkeit, welcher Eleganz im Ton und welchem Sinn für Komik Wolfgang Herrndorf diese absolute Albtraumszene erzählt.«

Als »Lehrgang in Trostlosigkeit« kennzeichnete indessen Laudator Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung) das Sachbuch »Verbrannte Erde« über Stalins Gewaltherrschaft. Der Historiker Jörg Baberowski erhielt für sein Werk den Sachbuchpreis. Baberowskis Perspektive, die sein Werk von denen anderer Forscher unterscheide, fasste Bisky in einen Satz: »Hier handeln nicht Großmächte oder Begriffsgespenster - nicht der Kommunismus, nicht die Moderne, kein Eindeutigkeitswahn -, sondern Menschen.« Durch die Präzision seiner Argumente und die Kraft seiner Sprache zwinge Baberowski seine Leser, »Tätern wie Opfern ins Gesicht zu schauen«.

Christina Viragh erhielt den Preis für ihre Übersetzung von Peter Nádas' 1700-seitigem Roman »Parallelgeschichten« aus dem Ungarischen. Laudator Eberhard Franke bekannte, dass die Auszeichnung neben der Übersetzerin auch dem (anwesenden) Verfasser selbst gelte: »Wir finden Peter Nádas' Roman großartig, können das aber nur finden, weil Christina Viragh ihn in großartiges Deutsch übersetzt hat.«

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