Goldman Sachs zockt Kunden ab

Enthüllungen eines Mitarbeiters der US-Investmentbank sorgen für Aufregung

  • Von John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 3 Min.
Was die Spatzen von den Dächern pfiffen, wird nun von einem Insider bestätigt: Die Investmentbank Goldman Sachs nimmt ihre Kunden aus und macht sich dann noch über sie lustig.

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. In der »New York Times« äußerte der scheidende Goldman-Sachs-Banker Greg Smith seine Meinung über den bisherigen Arbeitgeber. Der 33-Jährige war in London für den Derivate-Handel in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika zuständig gewesen. In dem Artikel beschrieb Smith eine vergiftete Firmenkultur und bestätigte damit viele Vorurteile über die größte Investmentbank der Welt. Erstmals wird derart heftige Kritik von einem Insider geäußert.

Vor zwölf Jahren hatte Smith bei Goldman Sachs angefangen. Die Arbeit sei für ihn stets eine willkommene Herausforderung gewesen, er beschreibt sich als loyalen Mitarbeiter. Heutzutage seien seine Kollegen allerdings nur noch auf das Geld der Kunden aus, statt in deren Interesse zu handeln. »Bei Geschäftstreffen wurde nur darüber gesprochen, wie viel Geld wir aus unseren Kunden herausholen können. Nicht einmal wurde darüber nachgedacht, wie man ihnen helfen kann«, schrieb Smith. »Es macht mich krank, wenn ich höre, wie herzlos meine Kollegen darüber sprechen.« In den vergangenen zwölf Monaten sei er mehrmals Zeuge gewesen, wie leitende Angestellte ihre Klienten als Deppen verspotteten, teilweise sogar über das interne Kommunikationssystem. Aufgrund dieser Situation habe er zurücktreten müssen, so Smith.

Als Meldungen über den Zeitungsartikel die Runde machten, brachen die Aktien von Goldman Sachs drastisch ein und verloren in kürzester Zeit gut drei Prozent oder 2,15 Milliarden Dollar an Wert. Noch schwerer wiegt der Imageschaden. Vorstandschef Lloyd Blankfein und Präsident Gary Cohn sahen sich daher genötigt, mit einem internen Rundschreiben die Wogen zu glätten - ein ungewöhnlicher Schritt. Zuletzt hatte sich Blankfein 2009 mitten in der Wirtschaftskrise an seine Mitarbeiter gewandt und sie daran erinnert, dass sie alle »Gottes Werk« vollbringen würden. Nun schrieb er: »Wir sind sehr enttäuscht über die Äußerungen dieser Einzelperson. Sie repräsentiert in keiner Weise unsere Werte, unsere Kultur und auch nicht die Meinung nahezu all unserer Mitarbeiter. Und natürlich auch nicht die Art und Weise, in der wir die Interessen unser Kunden vertreten.«

Dennoch geben die Enthüllungen den Kritikern, beispielsweise der jungen Protestbewegung »Occupy Wall Street«, neue Munition. Diese hatte darauf hingewiesen, dass sich am Handeln der Finanzmärkte seit der Krise 2008 nichts verändert habe. Damals hatten Banker trotz großer Verluste exorbitante Boni erhalten. Goldman Sachs hatte vom Zusammenbruch der Wall Street seinerzeit sogar profitiert, muss sich gerade deswegen heute heftiger Kritik stellen. Im vergangenen Jahr bezeichnete das Magazin »Rolling Stone« Goldman Sachs als »blutsaugendes Monster«. Die Bank soll in den wirtschaftlichen Niedergang Griechenlands involviert gewesen sein und auch eine unrühmliche Rolle bei der Beinahe-Pleite des Versicherungsgiganten AIG gespielt haben. Im vergangenen Jahr verpflichtete sich Goldman Sachs zu einer Strafzahlung in Höhe von 550 Millionen Dollar. Damit wurden von der Immobilienkrise betroffene Kunden entschädigt. Teil der Vereinbarung war übrigens auch, dass die Bank kein Schuldeingeständnis abliefern musste. Ferner wird Goldman Sachs eine ungesunde Nähe zu politischen Entscheidungsträgern in Washington nachgesagt.

Wirtschaftsprofessor Charles Elson von der Universität Delaware äußerte, der Artikel mache deutlich, wie drastisch sich Kultur und Moral von Investmentbanken durch ihren Börsengang verändert hätten. Die Banker hätten nun die Möglichkeit, enorme persönliche Profite zu erwirtschaften - ungeachtet des Erfolgs ihrer Kunden. »Als diese Firmen an die Börse gingen, verloren sie damit ihre ehrbaren Absichten. Loyalität zum Kunden gibt es nicht mehr.«

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