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»Beruhige Dich? Ruhig kann ich nicht sein.«

Leipziger Buchpreis: »Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt« von Jörg Baberowski

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
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Wie konnte das geschehen? Das ist die Frage, zu der es inzwischen unzählige Antworten gibt, ohne gänzlich dem beizukommen, was daran das Unerklärliche bleibt. »Die bolschewistische Revolution war der Versuch, die Bevölkerung des Imperiums zu unterwerfen, zu kontrollieren, zu verändern. Stahlwerke und Panzer sollten Hütten und Ikonen ersetzen, aus Bauern Kommunisten machen. Unter stalinistischen Bedingungen aber wurden aus Bauern Sklaven, Sozialismus verkam zur Despotie.«

So Jörg Baberowski in seiner Studie »Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt«, die in der Kategorie Sachbuch den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt.

Bücher über Stalin bilden eine eigene Bibliothek. Die Fakten sind weidlich auf die Weltanschauungs- und Interpretenlager verteilt. Baberowskis Buch ist, was ein ehrliches Buch über Stalin einzig sein kann: ein schwer verkraftbares Buch. Es argumentiert, vor allem aber erzählt es. Es schildert, was unterm Frostbegriff Stalinismus in die Geschichte einging: Denunziation, Menschenjagd, Deportation, Hinrichtung, Mord. Schicksale, Zahlen, Hintergründe. Massenmord mit Plansoll - befohlen aber nicht von einem anonym rotierenden Apparat: »Dieses apokalyptische Theater des Schreckens wurde im Zentrum ersonnen und dort auch inszeniert.« Baberowski entdeckt dem Leser einen Stalin der psychopathischen Hasslust, der stumpfen Intelligenz des Intrigierens, der raffiniert mafiotischen Eiseskälte. »Der, was er anderen antat, als reinigendes Gewitter empfand.«

Des Historikers These: dass es ohne Stalin keinen Stalinismus dieser viehischen Art gegeben hätte. Der kaukasische Bankräuber im Auftrag der Bolschewiki etabliert sich, wie Hitler, zum furchtbaren Beispiel für die im Menschen angelegte Verrohung - die unter den Bedingungen freier Entfaltung zur weltenweiten Geißel werden kann.

Baberowski zeigt mit seiner beklemmenden, dicht aufgeschriebenen Chronologie der Verbrechen, wie ein Mensch auf unvorstellbare Weise die landläufige Gewissensgrenze niederreißt zwischen bösem Gedanken und böser Tat. Auf diesen 600 Seiten »rettet« den Diktator kein objektiver Geschichtszwang, keine Abwehrnot - nein, ein perverser Tyrann hält eine ganze Gesellschaft in bebender Unsicherheit und schafft sich immer größere Felder für die Steigerung seiner Hybris. Begleitet von Hofierungsehrgeiz und Angst einer Funktionärselite, die von Stalin so dirigiert und manipuliert wird, dass sie sich quasi selber auffrisst. »Was auch immer ein Motiv für die stalinistischen Täter gewesen sein mag - im Vollzug der Gewalt wurde es bedeutungslos. Denn in der Logik despotischer Machtsysteme entfalten Gewalthandlungen Anschlusszwänge, die auf Gründe und Legitimationen überhaupt keine Rücksicht nehmen.«

Der Autor - Tiefblicker in endlich geöffnete Archive - wertete Dossiers, Tagungsschriften, Zeugenberichte, Statistiken aus, betrat recherchierend den engsten Innenraum der Macht und legt nun jene verbrecherisch ausgerichtete Psyche des obersten Parteisekretärs frei. Blutrache, Sippenhaft, rücksichtsloses Aufeinanderhetzen der Gleichgesinnten, ein fortwährendes Zerbrechen, Zersetzen, Vernichten.

Der putschistische Revolutions-Überfall Lenins auf die russische Geschichte; der radikale Stiefelmarsch der Bolschewiki über alle bürgerlichen Keimfelder hinweg; jener irrwitzige, mehrheitsferne Kampf der neuen Staatsmacht gegen Krieg und Ausbeutung, der doch nur neuen Krieg und weiteres Elend erzeugte; eine Kollektivierungshitze, die Hassbrände zwischen Stadt und Land legte - dies alles schuf jenen ständig brüchigen Staat, jenes Chaos, darin sich Stalins pathologische Lust an der Grausamkeit, getarnt unterm Pathosbanner einer rettenden Führerschaft, jahrelang ausleben konnte. In jeweils alles erfassenden oder aber gedämpften Wellen. Leninse Neue Ökonomische Politik schien zunächst Aufatmen zu bringen, war aber nur ein kurzes Zögern vor der unaufhaltsamen terroristischen Walze.

Selbst der hoffentlich noch in Äonen unvergessene Befreiungskrieg der Sowjetunion gegen Hitler erzählt vom erbarmungslosen Eisenring, in den Stalin das eigene Volk drückte. In Heiner Müllers Gedicht »Mommsens Block« heißt es: »Wie räumt man ein Minenfeld fragte Eisenhower/ Sieger des Zweiten Weltkriegs einen anderen/ Sieger Mit den Stiefeln/ Eines marschierenden Bataillons antwortete Shukow.« Man denke auch an das Schicksal der Sowjetbürger, die in deutschen Lagern und in deutscher Zwangsarbeit überlebten - und, kaum heimgekehrt, als Verräter erneut deportiert wurden.

Schon Lenin hatte gefragt: »Wie kann man eine Revolution machen, ohne Menschen zu erschießen?« Und Stalin empfiehlt in der Verbündetenfrage ein unfehlbares Prinzip: »Immer daran denken, dass Treue eine Hundekrankheit ist.« Die Geschichte der kommunistischen Kollektivität ist eine Geschichte des unablässigen Brudermordes. Auf seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 wird Chruschtschow sagen: »Nicht ausgeschlossen, dass auch Genosse Molotow auf diesem Parteitag keine Rede mehr hätte halten können, wenn Stalin noch einige Monate am Leben geblieben wäre.« Überleben ist Zufall, du bist immer dein eigener Feind - dieses Denken war der Beitrag des Kommunismus zur verfeinerten Kultur des russischen Roulettes.

Baberowski setzt sich auch mit möglichen Vorwürfen an sein Buch auseinander: War der sowjetische Mensch nicht - trotz allem - ein fleißbereiter Arbeiter an sich selbst? Spricht es nicht für das System, dass es millionenfach soziale Befreiung brachte? Ist es denn ohne Bedeutung, dass man aus Holzpantinen den Weg ins All fand? Das Buch kommt durchaus auch aus diesen Wahrheiten, aber es lässt keine Relativierung des Stalinismus zu: Er sei ein zwar bitteres, aber vielleicht unumgängliches Durchgangsstadium gewesen, diktiert vom Isolationsschicksal der Sowjetunion, geschuldet der gigantischen historischen Aufgabe. Für Barberowski gibt es kein (kein!) Argument, das ein millionenfaches Abrichten, Aburteilen, Abtransportieren, Abschlachten begründen darf. »Warum wurden Menschen gefoltert, in Lager gesperrt, von Informationen abgeschnitten, warum wurden sogar die Kommunisten getötet, wenn doch die Untertanen sich als sowjetische Menschen neu entwarfen? Darauf weiß eine Interpretation, die die Diktatur und ihre verkehrte Welt ausblendet, keine Antwort.«

Der Stalinismus als Werk eines »Gewalttäters aus Leidenschaft«, so Baberowskis These, endet mit dem Tod des Diktators, März 1953. Eine so massenmörderische Praxis konnte sich fortan nicht mehr ausprägen. Der psychopathische Wahnwitz des Despoten war Vergangenheit, aber freilich: Der entstehende Sozialismus, auch in der DDR, behielt den strukturellen Kern dessen, was Arthur Koestler die »grimmige Schulmeisterei« nannte, diese Sphäre »dauernder Ermahnung« und einer weltanschaulichen Einklemmung, die gegen Zuwiderdenken erneut Lager, Zuchtgeist und Zuchthäuser schuf.

Und wieder wurden die Überzeugten, die schon den Stalinismus, im Namen des Ideals, bis zur verzweifelten Selbstleugnung relativiert hatten, zu erneuten Trägern des eigentlich Untragbaren: Man glaubte weiterhin, die hohe Idee und dogmatischen Politik-Alltag zur widerspruchsfreien Einheit zusammenführen zu können. Man war ja Marxist, man besaß den Schlüssel zum Besitz der geschichtsbestimmenden Wahrheit. Man war tatsächlich Botschafter der Wahrheit - aber wieder nur jener Wahrheit, die der Stalinismus gesät hatte: Kader entscheiden alles - Menschen, die ans Humane des Ideals ebenso fest glauben, wie sie vom Recht überzeugt sind, im Namen dieses Ideals Willkür praktizieren zu dürfen.

Willkür deshalb, weil es stets so unbegreiflich viele Nichtüberzeugte gibt. Also ging die Macht, noch lange nach Stalin, hier und da ans Werk, als sei noch immer Saint-Just aus Büchners »Dantons Tod« der geistige Hausgott. »Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? ... Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Sphäre Vulkane oder Wasserfluten gebraucht.«

Auch Dichter Volker Braun befragt den »Inhalt des zupackenden 20. Jahrhunderts«, diese heftige Arbeit am Ideal: »Kamen seine Verwirklichungen nicht Verwüstungen gleich, hat es nicht die Ideen verbraucht wie die Leiber oder, schlimmer gesagt, die Ideen realisiert, indem es die Leiber verbrauchte? (...) Wo es um den Menschen ging, war an die Gesellschaft kaum gerührt, und wo man die Gesellschaft verändern wollte, wurde nach dem Menschen nicht lange gefragt.«

Baberowskis Buch endet mit Jewtuschenkos Gedicht »Stalins Erben«, der Schluss: »Möge man mir auch sagen: /›Beruhige Dich!‹,/ ruhig kann ich nicht sein./ Solange Stalins Erben/ noch auf der Erde sind,/ scheint es mir,/ als sei Stalin noch im Mausoleum geblieben.«

Geschrieben 1962. Für die Zukunft. Die nicht wirklich Frieden bedeutet, solange solche Bücher geschrieben werden müssen. Über das Logische, das etwas Unbegreifliches bleibt.

Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. C.H. Beck München. 606 S., geb., 29,95 Euro

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