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Korrespondenz der Künste

Das Georg-Kolbe-Museum zeigt brillante »TanzPlastik« der Moderne

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.
»Mouvement de danse« von Auguste Rodin
»Mouvement de danse« von Auguste Rodin

Den Anlass für die Zusammenschau bot der 100. Geburtstag einer Tänzerin. Keiner konkreten, sondern der Inkarnation des Tanzes schlechthin. Georg Kolbe hat damit auf der Frühjahrsausstellung der Berliner Secession 1912 begeistert. Seither gehört seine »Tänzerin« mit ihren in den Raum ausgebreiteten Armen und dem hingebend geneigten Kopf zu den Reliquien der Nationalgalerie. Um sie herum hat das Georg-Kolbe-Museum nun eine Ausstellung gruppiert, die der tänzerischen Bewegung in der Skulptur der Moderne nachspürt und anhand von 45 exzellenten Beispielen nachweist, wie sehr der Tanz damals bildende Künstler anzuregen vermochte. Dass sich bis heute Choreografen ihrerseits, Kylián oder Jacobson, von Plastiken zu Bewegungsgedichten inspirieren lassen, ist die andere, in der Schau nicht zu spiegelnde, über sie hinausgehende Seite einer künstlerischen Symbiose. Denn »TanzPlastik«, so der Titel, setzt mit den ersten Reaktionen der plastischen Meister auf den neuen Tanz ein, wie er etwa mit den Schleiertänzen einer Loie Fuller beginnt. Auf Glas und von unten mit farbigem Licht angestrahlt hat sie ihr Kleid derart geschwungen, dass es sich wie zu Serpentinen bauschte. Isadora Duncan, zeitweise Mitglied der Fuller-Gruppe, ging bald andere Wege, suchte den in Akademismus erstarrten Tanz durch Besinnung auf antik-griechische Vorlagen zu reformieren.

Dass dem Jugendstil die Bewegtheit gerade des modernen Tanzes entgegenkommt, liegt nahe. So präsentiert der erste Raum Werke der Jahrhundertwende, die auf jene Tänzerinnen Bezug nehmen. Bernhard Hoetger fängt in seinen Bronzen von 1901 Loie Fullers Schwung mit schier unglaublicher Materialsicherheit ein und lässt den Rock einer Frau im fast hörbaren Sturmgebraus sich blähen. Auch Francois-Raoul Larches vergoldete Zierlampe zeigt eine sich unter Stofffluten aufwärts windende Fuller, während Walter Schotts Duncan in ihrer Tunika unbeschwert auf einem Bein balanciert, eben im Übergang zur nächsten Pose. Auf hohem Sockel thront unter Glas und auf Mosaikboden Max Klingers »Tanzreigen« dreier Grazien; Franz von Stucks respektive Fritz Klimschs »Tänzerin« öffnen über dem Kleiderfall weit den freien Oberkörper; und auch Salome, die biblische Urtänzerin, hier in Rudolf Marcuses Version, dehnt unter polierter Oberfläche den offenen Busen. In schiegender Enge des Paars entwächst dem Schwung der Bronze Camille Claudels »La Valse«, auch dies ein Meisterwerk unter Gleichen in Kolbes einstigem Wohnatelier.

Das eigentliche Atelier füllen Großbronzen und Statuetten, die den Weg vom Ausdruckstanz zur Ausdrucksplastik skizzieren. So lassen sich Auguste Rodins »Mouvements de danse« mit ihrer grob belassenen Oberfläche keiner Tänzerin mehr namentlich zuordnen; vielmehr halten sie die tänzerische Essenz spezieller Momente fest, etwa das hohe Bein in der Dehnung. Bereits Edgar Degas wendet ein Jahrzehnt früher ein ähnlich stilisierendes Prinzip an; seinen Tänzerinnen in Ballettpose fehlt gar das Gesicht. Korrespondieren Kolbes und Ernesto de Fioris fast zeitgleich entstandene Nijinsky-Plastiken in der Auffassung mit ihrem Oberflächenglanz, beeindruckt ebenfalls Milly Stegers fast 150 Zentimeter hohe Bronze von »Jephtas Tochter«, die sich mit geschlossenen Augen in einem Tanz verliert.

Dennoch scheint sich in diesem Werk bereits der Übergang zur Abstraktion anzukündigen, wie sie Raum 3 resümiert. Alexander Archipenkos »Tanz« greift beinah unkörperlich die Form eines Paares in Balance auf; bei Rudolf Belling abstrahiert sich der »Dreiklang« aus einer noch vorstellbaren Triogruppierung; seine »Tänzerin« von 1916 aus goldfarben gefasstem Gips zitiert in ihrer Biegung des Körpers asiatische Vorlagen. Will Lammert drapiert um seine Tänzerin raffiniert einen Schal; Katharine Heise gelingt es, das Expressive im Tanz des Harald Kreutzberg festzuhalten. Bernhard Heiligers »Tänzerische Figuren« indes, rund vier Dezennien später modelliert, eine gar in Zementguss, greifen, wie auch die vier oberarmgefassten Männer im »Almtanz« von Gerhard Marcks, mit ihrer Blockhaftigkeit auf archaische Idole zurück, weit weg von irgend erkennbaren Vorlagen. Das trifft auch auf Gustav Seitz und Marino Mariani zu: Des einen »Lob der Torheit«, eine Fettleibige mit kurzen Beinen, schert sich in ihrem fröhlichen Bewegen nicht um ideale Proportion; des anderen »Dansatrice« orientiert sich an einer Degas-Plastik, der hier auf nach hinten gerecktem Kopf das Gesicht zerdrückt ist. Ebenso scheint Waldemar Grzimeks »Tänzerin II« von 1967 mit fliegendem Haar ganz Ekstase. Tanzfotografie von Stars der Ballets russes bis zu den Ausdruckstanzbarden ergänzt die Bronze gewordenen Eingebungen.

Bis 28.5., Di-So 10-18 Uhr, Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Westend, Telefon 304 21 44, www.georg-kolbe-museum.de

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