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Bittersüß bebildert

Illustratoren des 20. Jahrhunderts im Museum Tomi Ungerer

  • Von Katja Herzberg, Straßburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Wenn der Künstler tief in seine Schöpfung eintaucht. Diese Collage von

Robert Gernhardt (1937 - 2006) aus Foto und Aquarell-Zeichnung lässt Raum für Interpretationen. Sie trägt keinen Titel. Gernhardt beeinflusste die neuere humoristische Literatur maßgeblich, war aber auch ein angesehener Lyriker und Schriftsteller.
Wenn der Künstler tief in seine Schöpfung eintaucht. Diese Collage von Robert Gernhardt (1937 - 2006) aus Foto und Aquarell-Zeichnung lässt Raum für Interpretationen. Sie trägt keinen Titel. Gernhardt beeinflusste die neuere humoristische Literatur maßgeblich, war aber auch ein angesehener Lyriker und Schriftsteller.

Selten präsentiert sich ein Museum alle paar Monate in einem komplett neuen Gewand. In der kleinen Villa Greiner in Straßburg jedoch bleibt den Ausstellern gar nichts anderes übrig, soll der hauseigene Schatz gehoben werden. Die Sammlung des Tomi-Ungerer-Museums umfasst allein 11 000 Zeichnungen, die der Künstler dem Haus in seiner Heimatstadt als Schenkung überließ. Sie kann nur ausschnittweise vorgestellt werden. In der mittlerweile dreizehnten Schau seit Eröffnung des Stadtpalais als Museum im Jahr 2007 werden neu ausgewählte Werke von Jean-Thomas »Tomi« Ungerer sowie von sieben Zeichnern aus dem französischen und angelsächsischen Raum gezeigt.

Die farbenfrohen Zeichnungen von Ungerer, zumeist mit Chinatusche und Farbtinten aufs Blatt gebracht, rücken in den ganz in Weiß gehaltenen Ausstellungsräumen regelrecht aus den Rahmen und sie schützenden Glaskästen heraus. Der Betrachter wird in eine Welt aus Collagen, selbst gebastelten Spielzeugen und bunten Zeichnungen hineingezogen. In einem Raum läuft der Trickfilm »Die drei Räuber«, den Morton Schindel aus den Bildern Ungerers von 1961 zusammenstellte und 2007 ins Kino brachte.

Schon die frühen Illustrationen zeigen, wie Ungerers Satire über die Vermenschlichung von Tieren funktioniert. So spielen mit Hüten und Taschenuhren geschmückte Vögel Musikinstrumente - Uhren kommen bei Ungerer immer wieder vor, auch in seinen Spielzeugautos hat er hin und wieder Zahnräder verbaut. Vermutlich als Reminiszenz an seinen Vater, den Ingenieur und Hersteller von astronomischen Uhren.

Mensch und Tier malt Ungerer nach wie vor gleichermaßen gern, um sie satirisch miteinander zu verknüpfen. Die Zeichnung »Spiele und Lektüren beim Schmökern« von 1997 etwa zeigt einen Jungen und einen ebenso großen Teddybären über ein Buch gebeugt. Der Junge, angestrengt lesend, stützt seinen Kopf auf den Unterarm, der Brille tragende Teddy hat seinen Arm mehr als einnehmend um das Kind gelegt. Doch Ungerer wendet sich auch immer wieder tiefernsten Themen zu, etwa wenn er den Teddybär-köpfigen kleinen Otto mit den Themen Krieg und Nationalsozialismus konfrontiert.

Zu den »Illustratoren im 20. Jahrhundert«, deren Werke neben denen des 80-jährigen Ungerer seit dem 2. März ausgestellt sind, zählen mehrere Meister des visuellen Journalismus wie Robert Weaver mit Zeichnung von John F. Kennedy und anderen Prominenten. Strahlend Farbenfrohes schuf Françoise Hollenstein: Illustrationen zum Kinderbuch »Peter und der Wolf«. Bunt, aber alles andere als naiv die »Weihnachtskarte« von André François: Während der Gabenbringer in rotem Mantel von einem knallgrünen Krokodil am Himmel entlanggezogen wird, fahren die Erdenbewohner mit Hilfe von Rentieren durch den Schnee am Boden.

Bitterbös dem Alltag Abgelauschtes findet sich in den comicartigen Bildserien, die Maurice Henry in »Le Figaro« veröffentlichte. Eine genervte Ehefrau etwa öffnet ihrem schlafwandelnden Partner nicht nur die Tür ins nächste Zimmer, sondern anschließend auch noch das Fenster ...

Die Werke von Robert Gernhardt korrespondieren mit diesem Humor. In den frühen Zeichnungen sind Parallelen zu den späteren »Otto«-Büchern erkennbar, die Gernhardt herausgegeben hat.

Ronald Searle und Friedrich Karl Waechter sind ebenso in der Ausstellung vertreten. Sie sekundieren die Zeichnungen von Ungerer, denen im Untergeschoss der Villa Greiner noch einmal viel Platz eingeräumt wird. Dort finden sich die bissigen Karikaturen der High Society, die Ungerer, während er in New York lebte, kennenlernte. Mit Tiermetaphorik ist der Künstler auch hier nicht sparsam, wie das berühmte »Kamasutra der Frösche« belegt. Derb wird es in den Vanitas-Darstellungen, die unter dem Titel »Rigor Mortis« erschienen sind. Die Skelettmänner auf den Großformaten nehmen sich Frauen, ganz wie sie wollen.

Keineswegs mit düsterer Stimmung wird man aus dem Museum entlassen. Denn auf dem Weg zum Ausgang passiert man noch Ungerers Illustrationen für eine »Heidi«-Ausgabe und für »Das große Liederbuch«.

Illustratoren im 20. Jahrhundert. Museum Tomi Ungerer, Straßburg, 2, avenue de la Marseillaise. Bis 8. Juli, Mo, Mi, Do und Fr 12-18, Sa und So 10-18 Uhr

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