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Asyl in Rixdorf

Vor 275 Jahren kamen die ersten böhmischen Bauern in die Stadt

Beate Motel führt durch das Museum im Böhmischen Dorf.
Beate Motel führt durch das Museum im Böhmischen Dorf.

Im März 1737 trafen die ersten böhmischen Bauern in Neukölln ein. Sie wurden zunächst auf dem Rixdorfer Schulzengut untergebracht. Über das Leben der böhmischen Bauern berichtet Beate Motel vom Verein Museum im Böhmischen Dorf.

Sie selbst ist Nachfahrin der böhmischen Einwanderer in zehnter Generation. Ihr Ur-Ahne war Jiri Motl, der vor 275 Jahren die Familie gründete. »Die böhmischen Bauern sind aus Glaubensgründen aus ihrer Heimat geflohen«, berichtet Beate Motel. »Die Habsburger hatten gefordert, dass sie zum Katholizismus übertreten sollten.« Weil sie das nicht wollten, wurden sie bespitzelt und unterdrückt.

Bereits 1722 flohen die ersten Bauern aus Ostböhmen und fanden in der Oberlausitz eine neue Heimat. »Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf gab ihnen Asyl und sicherte ihnen Glaubensfreiheit zu.« Mit den Flüchtlingen wurde die kleine Stadt Herrenhut - »unter der Obhut des Herrn« - aufgebaut. »Die Bedrohungen in Böhmen gingen aber weiter«, berichtet Beate Motel, »viele Menschen wollten fliehen, und so hat Friedrich Wilhelm I. ihnen Asyl angeboten.«

Im März vor 275 Jahren kamen die ersten Einwanderer, ein Viertel Jahr später im Juni 1937, waren neun Doppelhäuser für 18 Familien bezugsfertig. »Der König hatte mit den Johannitern in Rixdorf vereinbart, dass die böhmischen Bauern hier angesiedelt werden konnten«, erzählte Beate Motel weiter. Sie erhielten das Haus, die Grundausstattung für die Landwirtschaft, Ackergeräte, zwei Pferde und zwei Kühe. »Das Land war immer noch geschwächt vom 30-jährigen Krieg (1618-1648)«, berichtet Beate Motel. »Friedrich Wilhelm brauchte dringend Arbeitskräfte.«

Die Einwanderer hatten ihre Privilegien - Steuerfreiheit, Religionsfreiheit und sie mussten nicht zum Militär. Die böhmischen Einwanderer wählten ihren eigenen Dorfschulzen. Am 15. Juni trat der erste böhmische Dorfschulze sein Amt an. Von 1737 bis 1873 verzeichnet die Chronik zehn Dorfschulzen für das Böhmische Rixdorf. Daneben gab es noch den deutschen Dorfschulzen. Erst 1874 wurde Herrmann Boddin Amtsvorsteher der vereinten Gemeinden von Deutsch- und Böhmisch-Rixdorf. Die böhmischen Einwanderer hatte ihre eigene Kirche, ihre eigene Schule und mit dem »Böhmischen Gottesacker« auch ihren eigenen Friedhof.

Das Jubiläum soll im Juni mit einer großen Kaffeetafel am Richardplatz gefeiert werden. Zwei historische Ereignisse sind dafür der Anlass: vor 275 Jahren am 15. Juni übernahm der erste Dorfschulze sein Amt, und vor 100 Jahren wurde am 1. Juni das Denkmal für Friedrich Wilhelm I. in der Kirchgasse eingeweiht.

Museum im Böhmischen Dorf, Kirchgasse 5, Telefon: 687 48 80, Öffnungszeiten: Donnerstag von 14 bis 17 Uhr sowie jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 12 bis 14 Uhr, www.museumimboehmischendorf.de

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