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Bürgerschreck mit Häkelmaske

Russland: Feministische Punk-Band »Pussy Riot« legt sich nicht nur mit Putin an

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Ohrenschmaus ist bei ihren Auftritten nicht zu erwarten, sie ähneln Flashmobs, für die Performance ist ihnen kein Dach zu schräg und kein Baugerüst zu hoch. Und vom Outfit her erfüllen sie alle Klischees eines Bürgerschrecks: Häkelmasken in Pink mit schmalen Sehschlitzen vor dem Gesicht, an den Beinen grellrote Netzstrümpfe, dünne Hemdchen bedecken nur knapp die Pobacken - selbst bei Frösten von minus zwanzig Grad.

»Pussy Riot« nennen sich die acht Moskauer Punk-Rockerinnen. Wie die radikalen Feministinnen von »Femen«, die in der Ukraine mit blankem Busen in die Schlacht gegen Demokratiedefizite und Prostitution ziehen, sind sie nicht zu übersehen. Gegründet hatte sich »Pussy Riot« erst Ende September 2011, einen Tag, nachdem Premier Wladimir Putin und Präsident Dmitri Medwedjew die Öffentlichkeit über den längst abgekarteten Rollentausch informierten. »Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen«, twitterte die inoffizielle Sprecherin der Band, die als »kot« - zu deutsch Kater - firmiert. Zwar beteiligt sich die Punkband an den Massenprotesten, versteht sich aber vor allem als Avantgarde der Gleichberechtigung. Hauptfeind der Combo ist daher nicht der Politiker Putin, sondern Putin als Frontmann der russischen Macho-Gesellschaft. »Frauen«, empörte sich »kot« auf ihrem Blog, müssten vor allem sexy aussehen, dürften aber das Maul nicht aufmachen.

Umso weiter reißen es »kot« und die anderen sieben Katzen auf. Neben ihren stählernen Röhren sind Schüttelreime - oft nicht ganz druckreif - ihre schärfsten Waffen. Auch Putin bekam sie zu spüren. Auf dem Platz vor der Basilius-Kathedrale schräg gegenüber des Kreml, brachte »Pussy Riot« Russlands starkem Mann kurz vor Ende des Wahlkampfs ein Ständchen der besonderen Art. Der schräge Protest gegen Russlands Führung dauerte kaum eine Minute, Polizisten führten die Mädels ab, Passanten bekreuzigten sich erschrocken.

Die bisher schrillste und vorerst letzte Performance lieferten die Punkerinnen am 21. Februar in der Moskauer Christi-Erlöser-Kirche ab, wo der Patriarch in Anwesenheit der Staatsführung die Messen zu den höchsten Feiertagen zelebriert. Vor dem Allerheiligsten, dem sogenannten Kaisertor des Altars, das selbst der orthodoxe Oberhirt nur einmal im Jahr zu Christi Auferstehung durchschreiten darf, parodierten die Frauen von »Pussy Riot« die orthodoxe Liturgie mit einer Fürbitte an die Jungfrau Maria, Putin aus dem Verkehr zu ziehen. Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa wurden Tage später für diese Aktion festgenommen. Die vermeintlichen Bandmitglieder sitzen inzwischen in Untersuchungshaft und traten, als diese bis Ende April verlängert wurde, in den Hungerstreik. Ihnen drohen bis zu sieben Jahre Haft wegen »Rowdytums«. Mit einer ähnlichen Strafe muss die Dritte im Bunde, Irina Loktina, rechnen, die bisher nur als Zeugin vernommen und wenige Tage später ebenfalls festgenommen wurde.

Bürgerrechtler haben inzwischen in einem Offenen Brief den Klerus gebeten, sich für eine milde Strafe einzusetzen, holten sich dort jedoch einen Korb. Die Kirche, so ein Sprecher des Patriarchats bei Radio »Echo Moskwy«, habe keinen Einfluss auf die Justiz und strebe solches auch nicht an. »Mit Freuden« würde man jedoch eine offizielle Bitte der Sünderinnen um Vergebung entgegennehmen und erfüllen.

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