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Aus zweiter Hand

Immer mehr Menschen besorgen sich regelmäßig Kleider beim DRK - zum Beispiel in Ingelheim

Nicht jeder kann sich neue Kleidung leisten. Dann kommt die Kleiderkammer des DRK ins Spiel. Im rheinland-pfälzischen Ingelheim kennt die Leiterin sogar die Kleidergröße ihrer Kunden.

Ingelheim (dpa/nd). Ein neues Hemd, eine neue Hose oder ein neues Paar Schuhe? Für die meisten sind das keine unerfüllbaren Wünsche. Doch was tun, wenn die Haushaltskasse einen solchen »Luxus« nicht erlaubt? Der Weg zur Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Ingelheim (Rheinland-Pfalz) führt über einen Hinterhof. Vor dem Eingang warten schon einige Frauen.

»80 Prozent der Leute sind Stammkunden«, erzählt die Leiterin der Kleiderkammer, Elke Franzky. Die Atmosphäre ist persönlich. Sie kennt die Familienverhältnisse und oft sogar die Kleidergröße ihrer Kunden. »Der Pullover ist doch zu groß für ihre Frau. Sie soll ihn wieder zurückbringen, wenn er nicht passt«, sagt sie zu Leonid, bevor der sich auf den Heimweg macht. Der gebürtige Ukrainer lebt in Ingelheim und kommt regelmäßig zur Kleiderkammer in der Binger Straße. Dort ist die Auswahl groß, wer etwas braucht, kann frei wählen - mit einer Einschränkung. Ein Schild weist darauf hin, dass Kleidung und Wäsche »nur zum persönlichen Bedarf und nicht zur Weitergabe« bestimmt sind. Alle Kleidungsstücke, die ausgegeben werden, schreibt Franzky in ein Heft, dazu das Datum der Ausgabe und den Namen des Kunden.

Verschämte Besucher

Wer keinen Sozialausweis der Stadt Ingelheim vorweisen kann oder mehr Kleidung mitnehmen möchte als zur Grundausstattung gehört, zahlt eine kleine Spende an das DRK. Die Organisation hat in Rheinland-Pfalz insgesamt 32 Kleiderkammern, wo jedes Jahr knapp 500 000 Kleidungsstücke ihren Besitzer wechseln. 150 ehrenamtliche Helfer betreuen rund 62 500 Kunden. Eine Frau mit hell blondiertem Haar, die man von ihrem Äußeren dort nicht vermuten würde, hat mehrere Hosen ausgesucht und gibt nach kurzer Diskussion einen Obolus in Höhe von fünf Euro. »Es kommt öfter vor, dass versucht wird, mit uns zu handeln. Doch das machen wir nicht«, sagt Franzky, die seit zehn Jahren ehrenamtlich in der Kleiderkammer arbeitet. Insgesamt 19 Frauen im Alter von 40 bis 80 Jahren sorgen dafür, dass die Kleiderkammer, die gemeinsam vom DRK-Ortsverein Ingelheim und der Stadtverwaltung Ingelheim betrieben wird, zweimal pro Woche geöffnet hat.

Die meisten Kunden haben einen Sozialausweis, mit dem sie Kleidung kostenlos erhalten. Zur Klientel gehören auch viele Obdachlose. »Das sind unsere liebsten Kunden, denn sie sind sehr dankbar und nehmen nur das, was sie wirklich brauchen«, erzählt die Leiterin der Kleiderkammer.

Immer häufiger kommen aber auch Ingelheimer Bürger. »Seit 2006 steigt die Zahl dieser verschämten Armen überproportional im Vergleich zu den anderen Kundengruppen«, weiß Franzky aufgrund einer Statistik, die sie erstellt hat. Die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer größer, meint sie. Zwischen 10 und 25 Leute kommen zu den Öffnungszeiten der Kleiderkammer, die seit 1978 ihre Dienste anbietet. Manche Familien kleiden sich hier komplett ein. »Wenn es dieses Angebot nicht gäbe, wären wir aufgeschmissen«, erzählt Meta Maisenbacher, die mit ihrer schwangeren Tochter nach Kleidung, Handtüchern und Schuhen sucht. »Wenn sie für ihr Baby etwas brauchen, kommen sie gerne noch einmal vorbei«, sagt Franzky. Sie legt öfter Sachen für bestimmte Kunden zurück, etwa gut erhaltene Jeans oder feste Schuhe für Obdachlose.

Häufig auch Hausmüll

Nicht alles, was zur Kleiderkammer gebracht wird, ist aber zu gebrauchen. »Wir nehmen nur saubere und intakte Kleidung. Außerdem sollte sie nicht zu alt sein. Für dunkle Anzüge, weiße Hemden und Krawatten haben wir keine Abnehmer«, sagt Franzky. Sie beklagt, dass häufig verschmutzte und zerrissene Kleidung in Säcken abgegeben werde. »Damit entlasten die Leute ihre privaten Mülltonnen, und wir müssen die Sachen entsorgen. Das ist eine Zumutung.« Andere Kleidungsstücke seien kaum getragen - an manchen hinge noch das Preisschild.

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