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Vorsicht, Fischer

Generation Gefällt mir

Leo Fischer ist ein Meister der Tonfälle, der in vielen Zungen zu uns spricht. Er beherrscht den hohltönenden Jargon der Werbung ebenso wie die Parodie auf das armselige Instant-Deutsch der Trivialliteratur und des Boulevardjournalismus: »Wo sie ihren kalten, seelenlosen Blick hinwerfen, erstirbt das Gelächter, schwindet die Hoffnung, erstarren Herzen zu Eis. Sie sind Menschen wie wir. Sie sind die Anwohner. Und es werden täglich mehr.«

Fischer ist ein guter Mensch. Anders kann es gar nicht sein. Denn er ist Chefredakteur der traditionsreichen westdeutschen Satirezeitschrift »Titanic«, deren Motto lautet: »Die endgültige Teilung Deutschlands, das ist unser Auftrag.« Ein rundum schöner Satz, für den man heute, in Zeiten des deutschen Party- und Kindergeburtstagsnationalismus und des allerorts virulenten Gauckschen Feierlichkeits- und Gemeinschafts-gequatsches, viel Mut braucht.

Eines von Fischers liebsten Hobbys ist die Sprach- und Ideologiekritik, ein heutzutage leider beinahe gänzlich aus der Mode gekommenes Treiben, dem die nur bedingt alphabetisierte Jugend von heute und eine einigermaßen erfolgreich rückverdummte Erwachsenenwelt nur wenig abgewinnen können.

In seinem soeben erschienenen Buch versammelt er diverse ältere, abgegriffene Texte. Den neuen, aber vollkommen abgegriffen klingenden Buchtitel »Generation Gefällt mir« hat er sich ausgedacht, »um auch diejenigen Käuferkreise abzumelken, die nach zweihundert Florian-Illies-Imitaten immer noch nicht genug Generationenbücher gelesen haben«. Leo Fischer ist offensichtlich auch ein grundehrlicher Mensch.

Auch die Themen, die er bearbeitet, sind vielfältig: der Frühling, das Internet und die Gesellschaft (»Der Kapitalismus hat keinen ›Gefällt mir nicht‹-Button«), die deutschen Medien und die zahlreich in ihnen auftauchenden Ohrfeigengesichter.

Seinen Verstand und seinen Stil muss Fischer, tapferer Kämpfer »für die unverblödeten Räume dieser Welt« (»FAZ«), schon als kleiner Bub an den Autoren der sogenannten Neuen Frankfurter Schule (Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt) geschult - um nicht zu sagen: gestählt - haben, deren Schriften er allem Anschein nach regalmeterweise obsessiv gelesen hat.

Im Wesentlichen aber versorgt uns Fischer mit Informationen, die wir dringend brauchen: »Allein durch eine sinnvolle, gemeinschaftliche Tätigkeit unter Aufsicht« sei der Anwohner zu therapieren, schreibt er. »Fünf bis zehn Jahre Arbeitslager sollten dafür reichen. Schreiben Sie Ihrem Bundestagsabgeordneten von dieser Idee. Damit aus Anwohnern Bewohner werden.«

Morgen Abend liest Leo Fischer in der »Schankwirtschaft Laidak« in Berlin-Neukölln aus seinem Buch »Generation Gefällt mir« (Lappan-Verlag, 176 S., 12,95 €).

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