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Alte Villa statt neuer Kaufhalle

In Fürstenwalde wollen Bürger den Abriss eines wichtigen Hauses verhindern

Offiziell ist die Villa nicht bewohnt, aber manchmal suchen hier Obdachlose Schutz.
Offiziell ist die Villa nicht bewohnt, aber manchmal suchen hier Obdachlose Schutz.

Die alte Stadtvilla in der Fürstenwalder Eisenbahnstraße 20, vier Gehminuten vom Bahnhof entfernt, ist zum Abriss freigegeben. Die Stadt und der Landkreis haben zugestimmt. Es kann jeden Tag passieren. Die Einwohner haben von dem Vorhaben nichts mitbekommen.

Die Infoblätter der Stadt, die einst mit einer kostenlosen Zeitung verteilt wurden, können seit einigen Jahren nur noch in der Verwaltung eingesehen werden. Kaum ein Bürger ist motiviert, das zu tun, weil die Liegenschaftsnummern dem Normalsterblichen sowieso nichts sagen.

»Das schöne Haus soll weg? Warum denn? Das glaub ich nicht! Das würde die Stadt doch nicht erlauben!«, so die erste Reaktion von Anita Knospe, einer gebürtigen Fürstenwalderin, auf die Abrissnachricht. Auch Zugezogene sind entsetzt. »Ich steh dazu, das Haus soll bleiben!«, meint die 29-jährige Ines Walden. »Ein tragbares Nutzungskonzept müsste her, ganz schnell.«

Heidi Arndt von der unteren Denkmalsschutzbehörde des Landkreises Oder-Spree bestätigt: »Die Villa hat natürlich mit ihrer Größe und ihren Ausmaßen eine große städtebauliche Bedeutung. Soll in dieser Lücke tatsächlich einer der vielen Einkaufsmärkte entstehen? Da gibt es ja seitens der Stadt eine Bedarfsplanung, die bereits übererfüllt ist.«

Nadine Gebauer von der Stadtverwaltung bestätigt diesen Eindruck mit Daten aus dem Einzelhandels- und Zentrenkonzept von Fürstenwalde. Danach hatte die Stadt schon im August 2009 insgesamt 87 500 Quadratmeter Verkaufsfläche, das entspricht 2,7 Quadratmeter pro Einwohner. Der Durchschnitt in Berlin und Brandenburg liegt bei 1,4 Quadratmeter je Einwohner.

Trotzdem. Die mindestens 130 Jahre alte Villa soll einer Kaufhalle weichen, die sich dann gegenüber eines schon vorhandenen Supermarktes und nur 150 Meter Luftlinie von einem weiteren Supermarkt entfernt befinden würde. Museumsdirektor Guido Strohfeldt und seine Kollegen sowie der ehemalige Museumsdirektor und Ortschronist Florian Wilke haben sofort damit begonnen, Argumente für die Geschichtsträchtigkeit der Villa zu suchen, nachdem sie von dem Abrissplan Kenntnis erhalten haben.

Vor 1870 wurden in Fürstenwalde mit überschaubaren 8000 Einwohnern noch keine Adressbücher geführt. Deshalb ist unklar, wie lange das Haus schon steht. Aber im Jahr 1880 hat dort schon Stadtrat Wobring gewohnt, nach dem auch eine Straße benannt ist. 1885 residierte in der Villa der Oberstleutnant von Treskow, Regimentskommandeur in der Ulanenkaserne. 1891 wohnte hier Herr von Blücher, 1907 lebten dort der Graf zu Dohna und Graf Perponcher. Letzterer gab das Haus gar für seines aus, was jetzt erst herauskam. Ortschronist Wilke erwarb vor drei Tagen über das Internetauktionshaus eBay eine Postkarte von einer »Villa Perponcher«, die sich als jenes Gebäude entpuppte, das jetzt abgerissen werden soll. Der Graf Perponcher hatte sich vor der prachtvollen Villa fotografieren lassen und ihr seinen Namen gegeben. Aus den vorliegenden Adresslisten geht jedoch hervor, dass der Graf dort zwar wohnte, ihm das Haus aber nicht gehörte. So schön fand er es, dass er sich damit schmücken wollte.

Engagierte Bürger meinen, Gebäude wie diese Villa machen die Stadt Fürstenwalde aus und nicht gesichtslose Märkte, von denen einige heute schon leer stehen. Diese Bürger suchen nun Rat. Sie möchten wissen, wie sie die Villa noch retten können.

Die Denkmalschützerin Heidi Arndt will sich, obwohl ihre eigene Behörde dem Abriss zustimmte, nach Ostern mit der Gebietsreferentin der übergeordneten Denkmalfachbehörde abstimmen. Viel Hoffnung auf Erfolg will sie allerdings nicht verbreiten. Irgendwie scheint die Villa durch das Raster gefallen zu sein. Wie Arndt erklärt, hatte der Denkmalschutz Anfang der 1990er Jahre die Städte und Gemeinden aufgerufen, zu prüfen, welche Objekte ihnen wichtig sind. Die Villa hatte damals offenbar keine Fürsprecher. Möglicherweise wurde ihr geschichtlicher Hintergrund deshalb auch gar nicht hinterfragt.

Der Berliner Theologe Benjamin Hasselhorn sagt zu dem Fall in Fürstenwalde: »Wir haben in Deutschland zwar ein sehr umfangreiches Denkmalschutzprogramm und eine große Kultur- und Museumsindustrie, aber wir Deutschen selber werden doch immer desinteressierter, geschichtsvergessener und durch solche Abrissvorhaben auch geschichtsloser. Nichts gegen Supermärkte, aber …«

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