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Arche für das Celluloid

Eine alternative Filmschule in Kreuzberg organisiert sich selbst

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Die Sonne bringt die alten Backsteingebäude zum Leuchten, hinten schimmert die Spree. Junge Leute lehnen an den warmen Mauern, rauchen eine Zigarette oder tippen in ihr Handy. Denn hier im Gebäudeensemble an der Schlesischen Straße 26 hat neben Handwerksbetrieben und Werbe- und Modeagenturen auch ein ganz besonderes Projekt seinen Sitz: Mitten im Mediaspree-Territorium schließt die selbstverwaltete Filmschule filmArche die Lücke zwischen staatlichen Hochschulen und teuren privaten Ausbildungsangeboten.

Seit neun Jahren funktioniert die Filmschule als gemeinnütziger Verein ohne private Sponsoren oder öffentliche Mittel, Worte wie Selbstorganisation und Basisdemokratie werden großgeschrieben. Die rund 250 Studierenden entwickeln die Lehrinhalte selbst, statt Studiengebühren sind monatlich lediglich 70 Euro Mitgliederbeitrag zu entrichten. Festangestellte Dozenten und Verwaltungsangestellte gibt es nicht, auch keine »Scheine« wie an der Uni - trotzdem funktioniert das Konzept erstaunlich gut und wird immer professioneller. Mittlerweile unterstützen auch preisgekrönte Regisseure wie Andreas Dresen (»Halt auf freier Strecke«), Dani Levy oder Wolfgang Kohlhase das Projekt zum Beispiel mit Werkstattgesprächen.

»Wir verbessern uns ständig«, erzählt Susanne Dzeik. Sie ist typisch für die Menschen, die sich an der filmArche engagieren. Ursprünglich kommt sie aus der Hausbesetzerszene, arbeitete bei felS (Für eine linke Strömung) mit und drehte im Kollektiv Videodokumentationen. 2006 begann sie an der filmArche ein Kamera-Studium, seit 2009 sitzt sie im Vorstand. Susanne Dzeik mag die offenen Strukturen und den kollektiven Ansatz an der Schule. »Die Filmbranche ist ein richtiges Egozentriker-Business. Wir versuchen, da gegenzusteuern, schließlich ist das Drehen von Filmen Teamwork«, argumentiert sie.

Kernstück der Ausbildung an der filmArche sind dreijährige Studiengänge in den Bereichen Regie, Drehbuch, Produktion, Montage und Kamera. Ab Oktober diesen Jahres kommt als neuer Studiengang Dokumentarfilm dazu. Die Schule reagiert damit auf die massive Nachfrage. Statt passiven Lernens sind Eigeninitiative, Engagement und Kreativität gefragt; die Studenten bestimmen selbst, was sie lernen wollen und wie, als Orientierung dient ein erprobter Lehrplan. Zudem bekommen die Neuen im ersten Semester von höheren Jahrgängen die Grundlagen des Filmemachens vermittelt, machen einen »Technikführerschein« und verwirklichen ihren ersten Film; Mentoren helfen bei Unterricht und Selbstorganisation.

In den nächsten fünf Semestern muss jeder Student zwei weitere Kurzfilme und einen Abschlussfilm vorlegen. Das Wissen eignen sie sich im Fachunterricht sowie in Ringvorlesungen, AGs und Workshops an. »Die hier studieren, erstreiten sich ihre Ausbildung von Tag zu Tag neu. Und wissen es zu schätzen«, bestätigt Andreas Dresen. Das hat viele Vorteile, verlangt jedoch Disziplin. »Wie gut und kontinuierlich ein Kurs läuft, liegt immer an den Teilnehmern«, so Susanne Dzeik. Die sind im Durchschnitt Ende 20, Anfang 30, viele kommen als Quereinsteiger aus anderen Berufen - denn eine Altersgrenze gibt es an der filmArche nicht.

Strukturen braucht man trotzdem. Geführt wird der Verein von einem vierköpfigen Vorstand und einer Studien- sowie Lehrgangsleitung; alle wichtigen Entscheidungen treffen die Mitglieder in der zweimal jährlich stattfindenden Vollversammlung. Die Alltagsaufgaben sind auf Komitees aufgeteilt, vom Fundraising über PR und die Koordination von Festivals bis zur Pflege der Homepage und der schulinternen Kommunikationsplattform Wiki, auf der sämtliche Lehrinhalte und Veranstaltungen gespeichert sind. »Auch da werden wir immer besser, arbeiten mit Profi-Programmierern und Grafik-Designern«, freut sich Dzeik. Rund 50 Filme verschiedener Genres entstehen jedes Jahr an der filmArche, einen Querschnitt bot die erste DVD-Edition der Filmschule, die kürzlich im Arsenal-Kino am Potsdamer Platz gezeigt wurde.

Doch das alles - Dozentenhonorare, Fix- und Nebenkosten für Seminarräume und Organisation, ganz zu schweigen von der teuren Technik - kostet Geld, das vor allem durch die Mitgliedsbeiträge zusammenkommt, außerdem durch Fördermitglieder und Spenden. Immerhin wächst die größte und älteste selbstorganisierte Filmschule der Welt stetig. Die jetzigen Räume im Klinkerbau nahe des Osthafens - zwei Seminar-, zwei Schnitträume und ein Foyer mit Bar, in dem Filme gezeigt werden - reichen nicht mehr lange aus, schon musste eine Wohnung dazugemietet werden. Denn seit Jahren wächst die Nachfrage nach Studienplätzen, außerdem richtet sich der Bildungsauftrag nicht nur an Mitglieder: In Wochenend-Workshops sind regelmäßig Plätze für externe Interessierte reserviert, die Mittwochs-Vorträge sind öffentlich.

Anmeldungen noch bis 14.5. möglich, Tag der offenen Tür: 22.4., Infos unter www.filmarche.de

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