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Das Schweigen zwischen den Sätzen

Roy Jacobsen: Auch sein neuer Roman »Die Farbe der Reue« steckt voller Geheimnisse

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Nachdem man bis zuletzt atemlos gelesen hat, blättert man um ... Wirklich Schluss? Kommt nicht doch noch eine Seite, auf der sich alles lösen, alles erklären würde? Aber Roy Jacobsens voriges Buch, »Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte«, steckte doch ebenso voller Geheimnisse. Dieser Schriftsteller aus Norwegen ist nämlich etwas ganz Besonderes in der Literatur. Er weiß genauestens zu beobachten, einfühlsam und packend zu erzählen. Er kennt seine Gestalten durch und durch, aber in entscheidenden Momenten ist es, als ob er sich vor sie stellen würde, sie beschützen wollte vor zudringlichen Blicken.

Sie haben ihr Leben und dürfen selber entscheiden, wie viel sie von sich preisgeben und was sie verschweigen wollen. Und es gibt eigentlich niemanden in diesem Roman, der nicht etwas in sich verschließt - eine alte Verletzung, ein vages Gefühl von Schuld. Auch die Reue im Buchtitel ist nicht im Sinne letztendlicher Befreiung zu verstehen. Sie hat wohl mehr als nur eine Farbe. Der Mensch, wenn er sich kennt, kann sich doch so vieles vorwerfen, nicht nur das Offensichtliche. Und für das meiste gibt es Erklärungen, auch wenn sie für Außenstehende wie Rechtfertigungen klingen.

Ein Mann war wegen Raubüberfalls eingesperrt gewesen, wegen Körperverletzung, wegen Schmuggels, wegen Betrugs, aber noch anderes liegt ihm schwer auf dem Herzen. Dieser Hans Larsen ist schon alt, als er vorzeitig auf freien Fuß gesetzt wird, und es ist ihm nicht leicht, in Freiheit zu bestehen. Er bewegt sich mechanisch, aber das ist der eigene Eindruck, der Autor erklärt uns nichts, lässt uns nur mitverfolgen, was Hans Larsen im einzelnen tut. Dabei müssen wir immer wieder staunen, nichts ist vorhersehbar.

Und abwechselnd mit ihm beobachten wir seine Tochter Marianne. Die hatte ihm vor vielen Jahren einen Brief ins Gefängnis geschickt, in dem sie ihm vom Tod der Mutter berichtete. Er hat den Brief erst jetzt geöffnet. Weil er Vorwürfe, Beschuldigungen fürchten musste? Wir wissen es nicht. Jedenfalls hält sich der Vater von seiner Tochter fern, obwohl er in großer Freundlichkeit an sie denkt. Und sie ahnt lange nicht, dass er frei und wieder in der Stadt ist. Sie hat eine Tochter. Greta scheint nicht schwierig. Aber Marianne ist es. »Der Alltag konnte ein Gewirr von unbezwinglichen Aufgaben sein.« Zugleich wünschte sie sich, dass »etwas Wirkliches passierte«, ja, »dass es sogar gut werden könnte«.

Da ist man als Leser an ihrer Seite. Auch für Hans Larsen könnten sich die Dinge doch zum Besseren wenden. Die Sehnsucht, nein sogar der Glaube an eine glückliche Wendung steckt so tief im Buch - oder ist es nur eine Projektion -, dass sich das Grau, in dem sich die Gestalten bewegen, immer wieder lichtet. Es muss an der Stimmung des Autors beim Schreiben liegen, an seinem wissenden Schweigen zwischen den Sätzen, dass die Lektüre etwas geradezu Erleichterndes hat. Wir dürfen erleben, wie das Leben von Vater und Tochter die wunderlichsten Wendungen nimmt. Zwei Gestrandete, so schien es, aber sie sind ja nicht allein auf der Welt. Andere Menschen gibt es, die sich einmischen, um sie doch irgendwie zusammenzubringen, damit sie sich versöhnen - bei ihr ist es der Junge Trond, bei ihm Agnes Almlie, die ihn in ihr prächtiges Haus aufnimmt. Mit ihnen hoffen wir.

Und wir bekommen ja auch vor Augen geführt, dass sich nicht nur Lebenswege, dass auch Menschen sich ändern können. Bin ich anders geworden? - Es sind immer nur ganz winzige Augenblicke, dass Marianne oder auch Hans Larsen so über sich staunen: Was an Möglichkeiten in uns schlummert, ist vielleicht größer als wir meinen. Doch ihnen nachzugehen, haben wir nicht unbegrenzt Zeit, das ist das Problem.

Roy Jacobsen: Die Farbe der Reue. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. Osburg Verlag. 287 S., geb., 19,95 €.

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