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Noch immer Luft und Frische

Im Frankfurter Städel Museum: Claude Lorrain, einer der wichtigsten Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts

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Landschaft mit Christus, der Maria Magdalena erscheint (»Noli me tangere«), 1681
Landschaft mit Christus, der Maria Magdalena erscheint (»Noli me tangere«), 1681

Das Städel Museum in Frankfurt am Main ist derzeit der glänzende Auftrittsort von Claude Lorrain. Es hatte die große Schau zusammen mit dem Ashmolean Museum in Oxford in einem umfangreichen Forschungs- und Ausstellungsprojekt vorbereitet. Etwa 130 Werke aus allen Schaffensperioden des großen französischen Barockkünstlers, der in allen drei Medien - Malerei, Zeichnung und Druckgrafik - Herausragendes geschaffen hat, werden gezeigt. Man geht durch die Säle im Obergeschoss des Ausstellungshauses und ist wie verzaubert von seinen idealisierten Landschaften, die durch ihre genaueste Planung doch so natürlich erscheinen. Wie kaum ein anderer verstand es dieser Künstler, Licht durch Farben darzustellen, und seine weiträumigen grandiosen Landschaftsgemälde mit biblischer und mythologischer Staffage haben ihre Luft und Frische über die Jahrhunderte hinweg nicht verloren. Sie hätten »die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit«, sagte Goethe über diese Bilder, hier »erklärt sich die Natur für ewig«. Claude Gellée, genannt Le Lorrain (»der Lothringer«), erhob die Landschaft zum Traumbild, verwandelte das Licht in flimmernden Glanz, und die Gestalten erscheinen wie hingetupfte Farben, die das Bild beleben.

Claude Lorrain folgte schon früh dem Ruf in die Ewige Stadt Rom, fand im Hause des Malers Agostino Tassi Aufnahme, betätigte sich dann als selbstständiger Freskenmaler und kehrte nach Aufenthalten in Neapel und Nancy 1627 endgültig nach Rom zurück. Zu seinen Landschaftsdarstellungen mit leuchtendem, weitem Himmel und in Sonne getauchten Horizonten gesellten sich als Gegenstücke Küstenansichten mit durchkomponierten Schiffskonstruktionen und geometrischen Szenerien hinzu. Er entwickelte die Landschaftsmalerei zu höchster Vollkommenheit und sprengte ihre bisherigen Grenzen. Er gilt als Wegbereiter für Maler wie John Constable, William Turner und Camille Corot, und auch heute noch wird jeder Italienreisende die Stimmung seiner Landschaften wiederfinden.

»Landschaft mit einem Ziegenhirten« (um 1634): In einer idyllischen Flusslandschaft spielt ein junger Hirte vor den lagernden Ziegen die Schalmei. Das typische Lorrainsche Repertoire ist vorhanden: Architektur im Hintergrund, die Ziegen und der Hirte im rechten Vordergrund, umrahmt von großen Bäumen, und das klare, weiche Morgenlicht, das über allem liegt und alles verwandelt. Geht die Landschaftsdarstellung auf unmittelbare Anregungen aus der römischen Campagna zurück oder ist sie ganz aus der Vorstellungskraft des Künstlers entstanden? Denn später hat er in einer Vorzeichnung mit einer einfachen perspektivischen Darstellung die Landschaft in den großen Linien mit Feder und Tusche bereits angelegt; nur noch in den Details gab es dann Abweichungen.

»Die Verstoßung der Hagar« (1668): Die Magd Hagar und der gemeinsame Sohn Ismael sind von dem jüdischen Patriarchen Abraham auf Betreiben dessen eifersüchtiger Frau aus dem Haus gejagt worden. Beide sind fast am Verdursten, da erscheint ihnen ein Engel und weist den Weg zur rettenden Quelle. Diese Landschaft findet ihre Fortsetzung in einem anderen Gemälde: Dem von rechts einfallenden Morgenlicht des einen entspricht die Mittagshitze auf dem anderen Bild. Beide Kompositionen sind in ein mildes Licht getaucht, das sie zugleich zusammenfügt und unterscheidet, ihnen jeweils Tiefe verleiht und eine Vielzahl von Bildebenen erschließt. Erst in den 1660er Jahren hatte sich Claude eine Freiheit und Kühnheit erarbeitet, die es ihm ermöglichten, diese grandiosen Landschaften zu schaffen: der Zeit enthobene Werke, die reinste Poesie atmen.

»Landschaft mit Christus, der Maria Magdalena erscheint (Noli me tangere)« (1681): Dieses bewegende Gemälde, im Besitz des Städel Museums, ist kurz vor Claudes Tod entstanden: Am Ostermorgen haben die beiden Marien das Grab Christi aufgesucht und es leer gefunden. Ein Engel erscheint und verkündet ihnen die Auferstehung. Maria Magdalena glaubt den Gärtner zu erkennen und fragt ihn nach dem Leichnam Christi. Der antwortet: »Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgestiegen«. Durch den Spaten des in der Gestalt des Gärtners erscheinenden Christus und das Salbgefäß der Maria Magdalena ist die Szene eindeutig zu identifizieren. Dem zentralen Baum als Symbol des Lebens stehen die Holzkreuze auf Golgatha gegenüber. Das Morgenlicht ist auf der linken Seite besonders eindringlich, während über Golgatha tiefe Wolken hängen. Die silbrig schimmernde Landschaft mit ihren vollen Grüntönen ist hier mit dem heiligen Geschehen in einem seltenen Maße zu einer Einheit verschmolzen. Nur ein hochbetagter Maler, konnte ein solches Meisterwerk in seiner Kühnheit und Unbefangenheit schaffen.

Mit flüssigen und teilweise sehr feinen Federstrichen und Lavierungen hat er nach der Natur und nach Bauwerken bis ins Alter hinein gezeichnet, und so sind eine Reihe wunderbar atmosphärischer Landschaftszeichnungen entstanden, während seine Figuren mitunter als recht unbeholfen erscheinen und doch eine gewinnende Natürlichkeit besitzen. Er hat Blätter zusammengefügt oder sie in zwei Teile zerschnitten; er arbeitete mit Motiven, die ihm bereits zur Verfügung standen. Seine Kunst entfaltete sich in einem Prozess von Varianten.

Claude Lorrain - Die verzauberte Landschaft. Ausstellungshaus, Städel Museum Frankfurt am Main, bis 6. Mai. Katalog.

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