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Köfte und Kommunismus

Myfest in Kreuzberg lud zu politischen Diskussionsrunden und Spektakel

Jahrmarkttrubel auf dem Myfest
Jahrmarkttrubel auf dem Myfest

»Endlich mal ein Volksfest ohne Nazis und ohne Stresserjugendliche«, freut sich Anwohnerin Ayse, die sich mit ihrer kleinen Tochter einen Weg durch die Menschenmenge vor dem Bethanien bahnt. Ihre Tochter würde sich noch ein Karussell wünschen, aber das Puppentheater auf der »Berlin lacht«-Bühne findet sie auch spannend. »12. Mai - Occupy« steht auf der Bühnenrückwand. Später möchte sie noch zu dem Maltisch, den sie bereits entdeckt hatte.

Mimi ist aus Neukölln gekommen. »Vor allem wegen dem Köfte«, sagt sie spaßeshalber. Es geht ihr darum, mehr oder minder linke Freunde zu treffen. Das geht am 1. Mai in Kreuzberg gut. Sie hat sich auch ein T-Shirt der »Wasserfreunde Kreuzberg 36 e.V.« gekauft. Das Motiv - ein Wasserwerfer - verrät, dass sich dahinter kein Wasserballverein verbirgt. Es nimmt vielmehr das alljährliche Berliner Mairitual auf. »Das ist besonders schön, weil mein Bruder bei den Wasserfreunden Spandau ist«, sagt Mimi.

Der Wind treibt dichte Rauchschwaden über den Mariannenplatz. Dazu kämpfen der Liedermacher Cigir Özyurt auf der Hauptbühne, eine anatolische Musikgruppe sowie ein basslastiges Soundsystem um die akustische Vorherrschaft. Die Anatolen gewinnen. Mitten in den Rauchschwaden wähnt man sich ein wenig wie beim mittelalterlichen Markttreiben.

Nach Jahren der Zusammenarbeit mit den Grünen muss die LINKE dieses Jahr das Fest auf dem Mariannenplatz als Teil des Kreuzberger Myfests organisatorisch und finanziell alleine stemmen. »Es ist eine Frage des Aufwands«, sagt Werner Heck, Sprecher des Geschäftsführenden Ausschusses der Grünen im Bezirk. Neben der Geldfrage war man mit dem politischen Zuspruch vor Ort inmitten des ganzen Trubels unzufrieden.

Über mangelndes Interesse des Publikums mag man sich bei den Ständen der LINKEN oder auch des Berliner Flüchtlingsrats nicht beklagen. Gerade für in der Bevölkerung nicht so bekannte Organisationen ist es eine gute Gelegenheit, sich darzustellen. So zum Beispiel für die Unterschriftensammler des Berliner Energietisches. Sie möchten in einem Volksbegehren vor dem Hintergrund der 2014 auslaufenden Konzession für Vattenfall die Rekommunalisierung des Berliner Stromnetzes durchsetzen. Die Sammler müssen nicht lang bitten, bis die Festbesucher unterschreiben.

Rolf, der aus Spandau gekommen ist, »wegen dem Kreuzberger Flair im Sommer«, hat zum ersten Mal von dem Volksbegehren gehört und sofort unterschrieben: »Besser, wenn man jetzt für eine Milliarde diesen ganzen Privatisierungsunsinn beendet, als wenn wir über die Jahre drei, vier, fünf Milliarden dafür zahlen.«

Zum Kreuzberger Bild gehört auch die Gruppe junger Männer, die sich rund um einen kleinen Vorrat Eigenmarken-Gin eines bekannten Discounters auf die Wiese flätzen. »Queen Mom hat auch schöne Sommernachmittage so verbracht«, sagt einer. An der Maidemonstration - welcher auch immer - wollen sie nicht teilnehmen. Hätte Queen Mom ja auch nicht gemacht.

Die Gruppe muss den Flaschenwächtern an den Platzeingängen in ihren orangenen T-Shirts irgendwie entgangen sein. Denn Glasflaschen sind eigentlich verboten. Im allgemeinen klappt die Durchsetzung des Verbots allerdings gut. Bis auf zwei Kästen Bier und ganz vereinzelte Flaschen ist der Platz glasfrei.

Trotz der Volksfestatmosphäre ist der politische Anspruch des 1. Mais durchaus präsent. Nicht nur durch die Stände verschiedener linker Organisationen und Parteien auch von Migranten, sondern auch durch die politischen Gesprächsrunden auf der großen Bühne. Alles bei herrlichstem Sonnenschein.

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