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»Anerkennung ist Teil der Heilung«

Türkische Gerichtsmedizinerin Sebnem Korur Fincanci über Kampf gegen staatliche Folter

Sebnem Korur Fincancı ist Gerichtsmedizinerin und Professorin an der Universität Istanbul. Die 54-jährige Türkin hat sich seit den 80ern mit staatlicher Folter beschäftigt und sich für eine objektive Gerichtsmedizin eingesetzt. 2011 wurde sie mit dem ersten International Medical Peace Award ausgezeichnet. Über ihren Kampf gegen Folter sprach mit ihr Thomas Mell.
Sebnem Korur Fincancı
Sebnem Korur Fincancı

nd: Professor Şebnem Korur Fincancı, Sie haben den ersten International Medical Peace Award erhalten. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Korur Fincancı: Der Preis war sehr wertvoll für mich. Doch nicht als Einzelperson, denn diese Arbeit schafft kein Mensch alleine. Es war eine Auszeichnung für die ganze Menschenrechtsbewegung in der Türkei und die Solidarität der Menschenrechtler.

Sie sind Gerichtsmedizinerin und Lektorin. Wie kamen Sie dazu, sich mit Menschenrechten zu befassen?
Die Zeiten Anfang der 80er Jahre waren in der Türkei wegen des Militärputschs äußerst schwierig. Es gab sehr viele Folteropfer. Ich war damals Medizinstudentin. Nach Abschluss der Medizinschule habe ich begonnen, Gerichtsmedizin zu studieren. Es war am dritten oder vierten Tag, als ich Zeugin einer Fälschung eines ärztlichen Berichts wurde. Eine Kommission von Professoren hat einen Folterfall begutachtet, aber beschlossen, ihn nicht als solchen anzusehen. So habe ich gelernt, wie leicht es ist, uns für die Vertuschung von Folter zu missbrauchen. Ich habe mich entschieden, nur noch Folterfälle zu bearbeiten und Missstände aufzudecken.

Wie hat sich die Menschenrechtssituation in der Türkei bis heute verändert?
Vieles hat sich verändert, besonders die Haftbedingungen auf Polizeirevieren. Es gibt jetzt Regularien, Verfahrensgarantien und Gesetzesänderungen, die Schutz vor Folter in Polizeihaft gewähren. Schwerwiegende körperliche Misshandlungen, zum Beispiel Aufhängen an den Armen oder Folter mit Stromkabeln, gibt es heute nicht mehr. Die Art der Folter hat sich verändert.

Würden sie sagen, dass das Kurdenproblem eines der Bereiche ist, wo es keine Änderungen gegeben hat?
Es hat sich schon etwas geändert. In den 80er und 90er Jahren wurden zahlreiche verhaftete Menschen umgebracht. Hinrichtungen und willkürliche Morde waren an der Tagesordnung. Jetzt werden sie nicht mehr getötet, stattdessen sperrt man sie ein. Aber nochmals, es gibt keine Meinungsfreiheit, keine Gewissensfreiheit. Nicht mal im Gericht darf Kurdisch gesprochen werden, diese Tatbestände haben sich nicht geändert.

Einer der Meilensteine ihrer Arbeit ist das Istanbul-Protokoll, das Standards für die Erkennung von Folter setzte und 1999 zum offiziellen Dokument der Vereinten Nationen erklärt wurde. Was ist der Erfolg dieses Dokuments?
Zum ersten mal wurden Richtlinien festgelegt. Jetzt gibt es eine einheitliche Praxis, wie man befragt, medizinisch dokumentiert und gerichtliche Untersuchungen durchführt. Es hat viel geholfen. Wenn man einen Fall bearbeitet und eine zweite Meinung liefern soll, kann man sein Urteil anhand des Protokolls gestalten. Das Protokoll hilft allen, auch Menschenrechtler können es nutzen.

Sie sind auch Mitautorin des medizinischen Folteratlasses. Worum geht es da?
Der Atlas beschreibt Folgen von Folter. Er ist für Mediziner sehr nützlich. In der Medizin lernt man durch Erfahrung, zudem ist eine Veranschaulichung wichtig. Wenn wir eine Verletzung begutachten und ich kann sie sehen, werde ich sie nicht vergessen. Der Atlas ist aber nicht leicht zu lesen, wenn man kein Mediziner ist.

Staatliche Folter findet immer noch statt. Wenn man an Guantánamo oder Abu Ghraib denkt, wird Folter auch von Ländern eingesetzt, die als demokratisch gelten.
Es gibt zahlreiche internationale Abkommen, Verträge, Institutionen, um Folter zu verhindern. Es gibt ein Abkommen, das jegliche Folter untersagt. Doch die Realität ist anders, und wir könnten es auch nicht verhindern. Trotzdem haben wir viel geschafft. Früher war es in vielen Ländern schwierig, Folter nachzuweisen. Meistens hieß es von den beschuldigten Behörden, es habe sich um einen Einzelfall gehandelt, der sich staatlicher Verantwortung entziehe. Jetzt wissen wir dagegen, dass man Staaten zur Verantwortung ziehen kann, um Folter zu verhindern. Es ist aber wahrscheinlich unmöglich, Folter zu beenden, solange es Staaten gibt.

Sind Sie persönlich bedroht worden?
Ab und zu. Aber früher, jetzt nicht mehr. Es ist natürlich schwierig, wenn man bedroht wird. Doch es gibt eine sehr starke Menschenrechtsbewegung in der Türkei. Das sind vor allem Menschen, die vor dem Putsch 1980 an den Universitäten politisch engagiert waren. Auch ich war eine Sozialistin, die für ihre Weltanschauung kämpfte. Dadurch waren Bedrohungen an der Tagesordnung. Ich selbst erlitt nie Folter, wurde jedoch einmal für kurze Zeit inhaftiert. Viele Ärzte haben Angst vor Drohungen, sie sind nicht stark genug, sie fühlen sich nicht von der Öffentlichkeit unterstützt. Meiner Meinung nach liegt das Problem bei uns darin, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Sache zu verdeutlichen und das Selbstbewusstsein über Menschenrechtsorganisationen zu stärken.

Sie haben sich seit 30 Jahren für Menschenrechte eingesetzt. Was motiviert Sie, Ihre Arbeit fortzusetzen?
An erster Stelle stehen die Patienten. Wenn ich das Leuchten in ihren Augen sehe. Das ist Teil der Heilung. Folter ist eine Form von Erniedrigung und Entwürdigung, weshalb die Opfer sich danach nicht mehr als Menschen fühlen. Wenn man ihre Qual und ihr Leiden anerkennt, verspüren sie das als Heilung.

Auch die Lehrtätigkeit ist mir sehr wichtig. Ich finde es sehr gut, wenn junge Leute diese Themen diskutieren und ich sie für dieses Tätigkeitsfeld gewinnen kann. Viele Jahre lang waren wir dafür nur wenige. Ich träume von einer besseren Welt. Ich weiß, dass ich sie nicht erleben werde, doch ich kämpfe dafür.

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