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Das Hansa-Rettungspaket

Flattersatz: Das Hansa-Rettungspaket

Ich bin Mecklenburger, und mehr als Mecklenburger, sagt der Mecklenburger, kann der Mensch gar nicht werden. Das Herz des Mecklenburgers schlägt pflichtgemäß und alternativlos für die Kogge, für den FC Hansa Rostock, den einstigen Vorzeigefußballklub der neuen Länder. Schon Mitte der 50er Jahre drückte ich im Ostseestadion den Rostockern kraftvoll die Daumen. Damals hieß der Verein noch BSG Empor, und die angegebene Richtung stimmte so einigermaßen. Inzwischen geht's unwiderruflich bergab, und der Verein fächelt sich Mut zu mit dem Slogan: Unsinkbar seit 1965! Doch die Verhältnisse, die sind nicht so - wie 1965. In 20 Jahren Hakle feucht und Henkell trocken sind die Werften von der Bildfläche verschwunden, und statt ihrer ist nun ausgerechnet ein Fußballverein die bekannteste Marke im Bundesland M-V.

Bei Hansa geht der Klabautermann ein und aus, doch leider nicht ein so spendabler Milliardär wie der, der die TSG 1899 Hoffenheim mit Millionen Euro aus der Kreisliga in die Bundesliga katapultierte. Bisher lautete die Definition des Fußballspiels: ein Schiedsrichter, 22 Spieler, ein Ball, und das Runde muss ins Eckige. Von Geld war seltener die Rede; denn »Geld schießt keine Tore«. Dies aber ist bloß eine Expertenlüge, das Gegenteil ist richtig. Vereine, die finanziell auf dem Schlauch stehen, werden auch weiterhin ohnmächtig zukucken, wie besser betuchte Vereine ihnen reihenweise die Torjäger wegschnappen, die sie gern für sich selbst eingekauft hätten. Der FC Hansa jedenfalls, vor Jahresfrist Aufsteiger in die 2. Bundesliga, beendete die Saison als unangefochtener Absteiger.

Existenziell bedrohlich aber wurde nicht das Abstiegsgespenst, sondern die Pleite. Auf 8,5 Millionen Euro schwollen die Schulden des Vereins an, dann konnte Hansa nur noch auf die Spendierhosen der Heimatstadt hoffen. Dabei stand die Hansestadt R. mit 350 Millionen Euro noch viel tiefer in der Kreide. Doch dem FC Hansa gelang das Wunder, dem nackten Mann in die Tasche zu fassen. Der Verein startete eine PR-Kampagne von brasilianischer Ausgelassenheit und sammelte in kurzer Zeit 25 000 Unterschriften, um die Bürgerschaft, das Rostocker Stadtparlament, gefügig zu stimmen. Überall in der Stadt flatterten Hansa-Banner und Hansa-Schals. Hunde trugen Hansa-Trikots. Die Fans rotteten sich zu Demos und Manifestationen zusammen. Helgas Stadtpalast veranstaltete ein Benefizkonzert. Sag JA zum FCH! So lautete die Parole. Wenn Griechenland gerettet wird, dann der FCH erst recht! Gefühlte Hunderttausende sagten JA zum FCH, sogar Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern München. Und den Stadioneingang verschönte ein nostalgisches Transparent: Selbst Erich Honecker hätte JA gesagt!

Machtvoll erhob das zornige Rostocker Volk seine Stimme und wurde mit einem Rettungspaket belohnt, wie es sonst nur Banken zuteil wird. Außer einer Finanzspritze in sechsstelliger Höhe enthielt es einen Verzicht der Hauptgläubiger auf 38 Prozent der Steuerschulden. Was sagt der Steuerzahler dazu? Ich nehme an, er schreibt auf seine nächste Steuererklärung: Bin zahlungsunfähig, machen wir's wie beim FCH!

Natürlich ist jedermann klar: Fußball gilt bloß als Nebensache, wenn auch als die wichtigste der Welt. Was aber, wenn's um die Wurscht geht? Was, wenn die heißblütigen Rostocker Rebellen den revolutionären Schwung des Fußballaufruhrs für machtvolle Protestaktionen gegen Leiharbeit, Hartz IV, Niedriglöhne und Steuer-Großhinterziehung missbrauchen… Wehret den Anfängern!

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