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Wenig Strahlung, viel Unwissen

Der Forschungsreaktor Wannsee bleibt umstritten

Gehen vom Forschungsreaktor, den das Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) nahe des Wannsees betreibt, und vom auf demselben Gelände befindlichen Zwischenlager für radioaktive Abfälle gesundheitliche Gefahren aus? Diese Frage stand am Montag auf der Tagesordnung des Ausschusses für Gesundheit und Soziales des Abgeordnetenhauses. Die Anhörung von Fachleuten führte zu einem typischen Ergebnis beim Thema Radioaktivität: Nach Maßgabe von Richtwerten ist alles bestens - doch muss Unwissenheit ebenso eingeräumt werden wie die Existenz von Studien aus anderen Zusammenhängen, die Anlass zur Sorge sind.

Die Rolle der Beschwichtigenden nahm naturgemäß Ina Helms ein, Sprecherin des HZB. Sie zählte Strahlungswerte des Reaktors auf, bezog sich auf die sogenannte Hintergrundstrahlung, die von natürlichen radioaktiven Quellen im Erdgestein ausgeht, und kam zu dem Fazit, die Emissionen des Reaktors befänden sich »im Untergrundrauschen der natürlichen Radioaktivität«. Zusätzliche gesundheitliche Gefahren gingen deshalb nicht vom Reaktor aus.

Große Bedenken und Hinweise auf die Grenzen unseres Wissens kamen hingegen von Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. So verwies er darauf, dass mittlerweile auch in Gebieten, die durch die Katastrophe von Tschernobyl mit nur sehr niedrigen und als unbedenklich geltenden Strahlenwerten belastet wurden, typische gesundheitliche Schäden bekannt sind. Sowohl in Westeuropa als auch in Nachbarländern der Ukraine habe es nach dem Super-GAU deutlich weniger Geburten von Mädchen gegeben. In den USA sei nach Atomwaffentests dasselbe festgestellt worden. Und in der Umgebung von deutschen Kernkraftwerken sowie von Gorleben, wo viel radioaktiver Müll lagert. In Bayern, laut Pflugbeil das einzige Bundesland mit einem Register für Fehlbildungen bei Neugeborenen, sei mittlerweile zutage getreten, dass in Landkreisen, die von Tschernobyl stärker betroffen waren, mehr Fehlbildungen die Folge waren - »und das bei einer Strahlung von unter einem Millisievert«, was weniger ist als die durchschnittliche Hintergrundstrahlung in Deutschland.

Die Emissionen des Forschungsreaktors liegen zwar nur bei einem Tausendstel davon. Pflugbeil ist dennoch ein Gegner der Anlage. Zum einen wegen des Katastrophenfalls: Einer Studie zufolge müssten bei einer sogenannten trockenen Kernschmelze Evakuierungen in einem Umkreis von drei bis elf Kilometern vorgenommen und zusätzlich Jodtabletten an Kinder in einem Umkreis von 20 Kilometer verteilt werden. »Das ist für eine Großstadt inakzeptabel«, findet der Experte. Zum anderen weist er darauf hin, dass Forschungsreaktoren eine ähnliche Belastung ihrer unmittelbaren Umwelt durch Strahlung zugeschrieben wird wie Kernkraftwerken. Und auch da sind die genauen Auswirkungen nicht bekannt, wie die bekannte, vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegebene epidemiologische »Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken« zeigt. Die weist zwar ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko für Kinder unter fünf Jahren nach, die weniger als fünf Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt wohnen. Doch die genaue Ursache der Gefährdung ist nicht klar. Erschwerend kommt hinzu, dass für Forschungsreaktoren keine für größere Schlüsse geeigneten Daten vorliegen und für den Einzelfall kein wissenschaftlicher Nachweis der Schädlichkeit möglich ist.

Roland Stabenow vom gemeinsamen Krebsregister aller Ost-Bundesländer konnte ebenfalls nicht mit befriedigenden Daten aufwarten. Seine Zahlen lassen sich nicht auf die unmittelbare Umgebung des HZB-Reaktors runterbrechen. Zwar wäre eine Radiusuntersuchung möglich, sagte er. Doch müsse vorher der Staatsvertrag, der Grundlage seiner Arbeit ist, novelliert werden.

Zu einer Aussprache kam es im Ausschuss nicht mehr. Sie soll in der nächsten Sitzung auf der Grundlage der Abschriften der Stellungnahmen erfolgen.

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