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Vom Leben nach Militärdiktaturen

Das Hebbel am Ufer zeigt junges lateinamerikanisches Theater

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Fast ist man geneigt zu konstatieren, in vielen Ländern Latein- und Südamerikas herrsche derzeit so etwas wie Frieden. Brüchig zwar, denn noch sind die Wunden nicht verheilt, die Dezennien von Militärputschen, Terror, Gewalt den Bürgern schlugen; noch leben die Opfer, deren Leid durch Folter und Erniedrigung nicht gesühnt ist. Obwohl das zarte Pflänzchen Demokratie in vielen dieser Staaten gerade vorsichtig ihr Köpfchen erhebt, versucht eine neue Generation von Theatermachern, was die Politik selten tut: Auseinandersetzung mit den Umständen und Verbrechen jener Zeit, Aufarbeitung auch persönlicher Schicksale.

Das Hebbel am Ufer 2 bietet eine Woche lang jenem Bemühen ein Podium, denn den meisten Menschen in Europa ist, was in Südamerika passiert, nur ein Nachrichtenthema. Das »Festival jungen lateinamerikanischen Theaters« präsentiert neue Aufführungen und zahlreiche Foren, in denen diskutiert wird über Gewalt gegen Frauen, das Internet als Protestmedium wie auch Machtmittel bei der Demokratisierung und jüngste Stücke in deutscher Übersetzung. Eröffnet hat das Festival »Melancholie und Protest«, eine Auftragsinszenierung von Lola Arias aus Buenos Aires.

Dies ist ein sehr persönliches Stück, gewidmet Arias Mutter, die seit der Geburt ihrer Tochter 1976 an Depressionen leidet. Es ist indes auch das Jahr, in dem sich das Militär erneut an die Macht putschte und eine Ära von wirtschaftlicher Krise und erbarmungslosem Krieg gegen Oppositionelle einsetzte. So fragt sich Arias, wer Auslöser der Krankheit sei: sie oder vielleicht doch die gesellschaftlichen Zustände. Das macht sie im ersten Teil per Mikrofon, in das hinein sie ihre Zweifel artikuliert, während gleichzeitig ihre Erzählung szenisch illustriert wird.

Ein von Lamellen verschließbares Zimmer, dann als Leinwand für Videos nutzbar, ist einziger Ort der Handlung. Zu beiden Seiten sitzen ältere Spieler, die alle die Zeit der Repressionen noch erlebt haben, die Lamellen bedienen, als Komparsen fungieren. Sie sorgen leis für die permanenten Umbauten, die mit einfachen Mitteln Mutters Leidensweg auffächern. Aus dem Bett möchte sie, die Literaturprofessorin mit konfusen linken Ideen, nicht mehr; stiehlt in Supermärkten, um Freunde zu beschenken; erhält einen Hund als Leibwächter; verschleißt Psychoanalytiker; gesteht die Liebschaften ihres Lebens; liebäugelt stets mit dem Suizid; wird am Ende mit Engelsflügeln zu Dürers berühmter Melancholie, derweil die Tochter in die Rolle der ans Bett gebundenen Mutter schlüpft, denn: Depressionen sind erblich.

Berührend all dies, ohne direkte Anklage, ein bloßer Situationsbericht. Witzig ist der Teil »Protest«. Zornige Alte in Unterhosen drohen sie an, lassen zum Schluss wirklich die Kleidung fallen, zeigen sich in der Schönheit ihrer Reife.

Ungleich radikaler arbeiten Luisa Pardo und Gabino Rodríguez von Lagartijas Tiradas al Sol aus Mexiko. In »Die Sprache des Feuers« recherchieren sie als Dokumentartheater mit Spielszenen den bewaffneten Widerstand der landinternen Guerillabewegung um indigene Landrechte, wie er zwischen 1960 und 1990 in besonders militanter Form auftrat. Auch die drei Darsteller operieren mit Video, verwandeln sich in verschiedene Rollen, filmen, was sie als Diorama den realen Vorgängen um eine Guerillakämpferin und ihr Schicksal nachgebaut haben. Aggressiv ist das, zupackend, laut, fordernd in seinen 90 pausenlosen Minuten. Das theatrale Großgemälde über einen verdammt realen, bleihaltigen Abschnitt mexikanischer Geschichte zeichnet ein wenig rühmliches Kapitel präsidialer Entscheidungen nach. Wiewohl es den Anfechtungen eines reinen Agitproptheaters nicht erliegt, erschöpft es durch sein Faktenbombardement zu Militärfolter und Studentenrevolte, Politikerrede und Zeitzeugenbericht. Und fragt gleichsam nach Veränderbarkeit der Verhältnisse in heutiger Zeit.

Auch Theater aus dem bandenkriegsgeschüttelten Kolumbien kann kaum Friedvolles bieten. So spielt »Die Täter« von Jorge Hugo Marín aus Bogotá in einer Studenten-WG, die ihren Vermieter umgebracht hat; »Wie soll ich dich lieben« als zweiter Teil stellt die Geburtstagsparty einer Tochter nach, deren Vater, ein Drogenboss, gerade einsitzt. Manuela Infante aus Santiago de Chile konstruiert »Don’t Feed the Humans« um die historische Entführung von Mapuche-Indios nach Europa. Alle Aufführungen sind deutsch übertitelt.

Bis 26.5., Hebbel am Ufer 2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Kartentelefon 25 90 04 27, www.hebbel-am-ufer.de

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