Heimatlos

»Schildkrötenwut« von Pary El-Qalqili

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Rastlos, gefangen, ausgesperrt. Heimatlos ist der Vater der Filmemacherin in seinem Pendeldasein zwischen Palästina und Berlin, wo seine Familie lebt, seine deutsche Frau und seine Kinder. Auf einem Verwandtenbesuch in der alten Heimat war der Vater mal in jordanischen Gefängnissen verschwunden, weil er kein Informant sein mochte für die örtlichen Behörden. Er blieb so lange weg, dass die kleine Tochter ihn bei seiner Rückkehr nicht erkannte. Später ging er noch einmal, blieb noch länger.

Hat der Vater eine Rechtfertigung für die Vernachlässigung, die jahrelange Abwesenheit, das Reißen einer vatergroßen Lücke im Leben der Filmemacherin? Hat er Widerstand geleistet, sich persönlich eingesetzt, irgendwas vorangebracht in der für die Familie verlorenen Zeit? Oder ist sie tatsächlich nur das: verloren? Woher rührt seine Wut, seine Vereinzelung auch nach der resignierten zweiten Rückkehr, dem Einzug in den Keller des Berliner Hauses, in dem oben seine Frau ihr eigenes Leben führt?

Für Pary El-Qalqili war ihr Vater immer jemand, den sie beschützen wollte vor allen und jedem. Deutschland sei für ihn auch nicht mehr als ein feindliches Land, sagt der, weil es mit Israel zusammenarbeitet. Deutsche und Israelis, für ihn ist das dasselbe, sagt der Vater. Alles Feinde. Der eine schießt auf die Palästinenser, der andere verschafft ihm die Patronen dazu. Die Tochter hört schweigend zu - was soll sie auch sagen. Und fliegt mit dem Vater nach Ägypten, um von dort die über alle Flüchtlingslager der Region verstreute Verwandtschaft aufzusuchen - der Vater stammt aus einer kinderreichen Beduinenfamilie. Die erzählt von Vertreibung, Verfolgung, Willkür und Tod.

Der Vater selbst, seit 1964 in Deutschland, von Baustelle zu Baustelle wandernd, in linken Studentenbünden aktiv und zeitweilig wohl mal im syrischen Trainingslager für den bewaffneten Widerstand, kabbelt sich mit ägyptischen Taxifahrern und sucht nach einem ambulanten Händler, der Guaven feilbietet. An der Grenze zum Gaza-Streifen werden die reisende Filmemacherin und der reisende (Ex-)Widerstandskämpfer zurückgewiesen: auf palästinensischen Nostalgie-Tourismus ist man nicht so scharf in der Region. Sie fahren durch den Sinai: die Wege, die die aus Gaza ins Westjordanland flüchtende Familie zu Fuß gehen musste, nehmen sie mit dem Auto. Sagt, mit leisem Vorwurf in der Stimme, die dortige Tante, die lieber geblieben wäre. Aber der Vater, ihr Vater, hatte Angst vor den Ägyptern.

»Schildkrötenwut«, der bei achtung berlin zu sehen war und jüngst beim DOK.fest München, ist der seltene Fall eines Nabelschau-Films, der tatsächlich einen sozio-historischen Mehrwert mitbringt. Das weiße Haus, das der Vater nach den Osloer Verträgen in Qalqilia für sich und seine Berliner Familie baute, um endlich nicht mehr nur Besucher zu sein in Palästina, wurde durch den Mauerbau der Israelis unbewohnbar. Die gemeinsame Reise dient auch dazu, es nun endlich aufzugeben.

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