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»Wir sind Künstler, keine Diplomaten«

Der deutsche Kandidat Roman Lob betrachtet die Show als Chance für Aserbaidshan - und für sich

ROMAN LOB soll das Erbe von Lena Meyer-Landruth antreten und Deutschland beim wichtigsten europäischen Gesangswettbewerb vertreten. Der junge Mann mit der gefühlvollen Stimme gilt als etwas schüchtern, aber extrem talentiert. OLAF NEUMANN traf ihn zum Interview.

nd: Sie singen in Baku die Rock-Ballade »Standing Still« aus der Feder von Jamie Cullum. Aber Sie schreiben auch eigene Songs, dafür gab es sogar Lob von Stefan Raab. Hat Sie das ermutigt, weiterzuschreiben?
Roman Lob: Auf jeden Fall. Auf meinem ersten Album sind zwei von mir geschriebene Songs, außerdem noch ein Titel meiner Band Rooftop Kingdom. Das ist für mich immer noch unglaublich. Die Platte heißt »Changes«, weil mein Leben sich in letzter Zeit radikal verändert hat, ich selbst bin aber derselbe geblieben. Als ich »Standing Still« erstmals im Autoradio hörte, war ich total perplex. Ich wollte immer englische Texte machen, vielleicht erreiche ich ja auch ein internationales Publikum. Ich liebe die Musik von Hayley Williams und Paramore, oder den Kings Of Leon.

Sie müssen jetzt eine »nationale Aufgabe« erfüllen. Macht Ihnen das ein bisschen Angst?
»Nationale Aufgabe« hört sich sehr groß an, wie die Fußballnationalmannschaft. Ich bin schon nervös, aber es wird garantiert Spaß machen. Ich habe mich bei »Unser Star für Baku« beworben, weil ich diese Aktion cool finde. Wir sind ein super Team. In der ersten Zeit gab es auch viele schlaflose Nächte. Aber ich versuche dann immer, die innere Ruhe zu finden. Meine Familie und meine Freunde holen mich auf den Boden zurück.

Können Sie verstehen, dass so viele Leute den ESC so fürchterlich ernst und verbissen nehmen?
Ja klar. Es ist doch eine coole Veranstaltung. Warum sollte man davon nicht ein riesen Fan sein? Ich selbst schaue den ESC seit Guildo Horn. Dann kam Stefan Raab mit »Wadde Hadde Dudde Da«. Max Mutzke und Lena, die das Ding für uns nach Hause geholt hat, habe ich selbstverständlich auch verfolgt.

Castingshow-Kandidaten gelten nicht als authentische Künstler. Kritiker sagen, ihnen fehle es an Originalität, um das moderne Bild eines Pop-Musikers ausfüllen zu können. Wollen Sie den Beweis antreten, dass dem nicht so ist?
Auf jeden Fall. Ich bin ganz klar der Gewinner einer Casting-Show, das muss man auch nicht leugnen, denn es war eine gute Casting-Show mit einer super Jury. Ich glaube, wenn man ehrgeizig an die Musik herangeht, dann könnte das auch etwas werden. Bis jetzt gibt es keine einzige Minute, die ich bereue. Ich fühle mich wohl und genieße jeden Moment, denn es kann genauso schnell wieder vorbei sein wie es angefangen hat.

Realistisch betrachtet: Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Ich hoffe auf einen Top-Ten-Platz. Und wenn nicht, nehme ich es sportlich. Ich finde Tooji Keshtkar aus Norwegen sehr stark, seine Nummer ist fetzig und modern. Egal, wie ich abschneide, ich werde auf jeden Fall ordentlich feiern.

Die Menschenrechtssituation in der Kaukasusrepublik Aserbaidshan hat sich durch die Entscheidung für den Grand Prix nicht verändert. Verspüren Sie wegen der politischen Situation einen zusätzlichen Druck?
Wir Musiker fahren als Künstler nach Baku, nicht als Diplomaten. Natürlich ist mir die schwierige politische Lage in Aserbaidshan bewusst. Ich sehe den ESC aber als Chance für das Land. Das Land gerät durch die Show in den Fokus der Öffentlichkeit, die politische Lage wird auch in anderen Ländern zum Thema. Vielleicht öffnet diese Veranstaltung den Machthabern ja die Augen.

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