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Nabucco ist am Ende

Energiemulti BP will Gasleitung vom Kaspischen Meer nach Mitteleuropa nicht mehr bedienen

  • Von Jürgen Gottschlich, Istanbul
  • Lesedauer: 3 Min.
Die geplante Gasleitung Nabucco von Aserbaidschan nach Mitteleuropa ist endgültig gescheitert. Der britische Energiemulti BP, der die Leitung mit aserbaidschanischem Gas füllen sollte, verabschiedet sich vom Projekt. Auch eine Schrumpfversion der Leitung hat wenig Chancen.

Das größte europäische Infrastrukturprojekt, die Gasleitung Nabucco vom Kaspischen Meer bis Wien, wird wohl endgültig nicht gebaut. Zwar haben sich die Anteilseigner des Projekts, der deutsche Energiekonzern RWE, die österreichische OMV und die staatlichen Gaskonzerne aus der Türkei, Rumänien und Bulgarien offiziell noch nicht geäußert, doch der wichtigste Zulieferer ist jetzt abgesprungen.

Auf einem Kongress in Berlin, »BP Forum: Erdgas aus Aserbaidschan«, verkündete der Chef des britischen Weltkonzerns BP, Ian Conn: »Nabucco ist für uns keine Option mehr«. BP aber ist der Konsortialführer einer Gruppe von Energiekonzernen, die in Aserbaidschan das größte Gasfeld »Shah Deniz« ausbeuten werden und damit ab 2017 die Nabucco-Leitung füllen sollten. Macht BP nicht mehr mit, hat Nabucco keinen Gaslieferanten mehr.

Eigene Wege: Gasleistung ohne Gas

Bislang war neben den explodierenden Kosten für den Leitungsbau die Hauptfrage, wie die Röhre gefüllt werden soll. Geplant ist das Projekt mit einer Kapazität von 31 Milliarden Kubikmeter Gas, die jährlich nach Westeuropa geliefert werden sollen. Nur diese enorme Kapazität würde die 3300 Kilometer lange Leitung wirtschaftlich machen und auch den Hauptzweck, nämlich die Verringerung der jetzigen Abhängigkeit Europas vom russischen Gazprom-Konzern möglich machen.

Doch seit Jahren fahnden Europas Politiker vergeblich nach Gaslieferanten. Neben Aserbaidschan sollte das vor allem Turkmenistan sein. Dessen Autokrat Gurbanguly Berdymuchammedow wurde jahrelang von der EU-Kommission, dem Nabucco-Sonderbeauftragten Joschka Fischer wie auch von Angela Merkel umschmeichelt, doch letztlich machten Peking und Putin in Turkmenistan die Punkte. China hat bereits eine Gasleitung in die turkmenische Steppe gebaut, und Putin bot dem Turkmenenführer mehr Geld und hat außerdem den Vorteil, dass seine Leitungen für den Gastransport bereits existieren. Außerdem müsste das turkmenische Gas erst mit einer Leitung durch das Kaspische Meer geführt werden, bevor es in Baku in die Nabucco-Röhre hätte eingespeist werden können. Dagegen stehen rechtliche Fragen über die Meeresnutzung.

Der Gastransport aus dem Kaspischen Becken über den leichten Weg durch den Iran verbietet sich für die EU aus politischen Gründen. Es wurde noch nicht einmal ein Versuch gemacht, Teheran einzubinden. Blieben noch vage Hoffnungen auf Gas aus Ägypten und dem Irak, doch das wäre Zukunftsmusik. Als sich dann in den letzten Machbarkeitsstudien auch noch herausstellte, dass die Baukosten statt der geplanten 7,8 Milliarden Dollar (6,3 Milliarden Euro) bis auf 15 Milliarden Dollar klettern könnten, stieg bereits der staatliche ungarische Energieversorger MOL aus dem Projekt aus.

Türkei will lieber selber fördern

Auch die staatliche türkische Botas, die das längste Stück der Strecke bauen sollte, geht längst eigene Wege. Weil die Türkei das Kaspische Gas lieber selbst vermarkten will statt lediglich als Transitland zu fungieren, hat die türkische Regierung mit den zuständigen Stellen in Baku vereinbart, selbst eine Transanatolische Leitung (TANAP) von Baku nach Istanbul zu bauen und überschüssiges Gas dann an Westeuropa in eigener Regie weiter zu verkaufen. Bei RWE und dem österreichischen OMV ist deshalb jetzt von der Mini-Nabucco die Rede, die das Gas dann von der türkisch-bulgarischen Grenze bis nach Wien bringen könnte. Doch die Unwägbarkeiten überwiegen nach wie vor. Russland will neben der im letzten Jahr fertiggestellten Northstream-Gasleitung durch die Ostsee auch noch eine Southstream-Leitung durch das Schwarze Meer bauen, die ebenfalls Kaspisches Gas nach Europa befördern soll. Auch diese Pipeline ist zwar noch nicht im Bau, doch Russland hat die Lieferkapazitäten und durch Gazprom auch einen Energieriesen, der den Bau schneller stemmen kann, als das komplizierte Nabucco Konsortium.

Statt jetzt Milliarden in Gasleitungen zu investieren, wäre es für Europa wohl sowieso klüger, sich durch den Ausbau erneuerbarer Energien vom fossilen Brennstoff unabhängiger zu machen.

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