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Der letzte fixe Ort

Ein ungewöhnliches Theaterstück wird in Leipzig gezeigt - Tankwarte wagen den Blick in die Zukunft

  • Von Steffi Schweizer
  • Lesedauer: 4 Min.
In Leipzig proben Tankwarte mit einer freien Theatergruppe ein Stück, in denen es um sie, Mobilität und die Zukunft der Tankstelle geht. So ganz geheuer ist das den Darstellern jedoch noch nicht. Am 21. Juni ist Premiere.

»Was soll denn daran Besonderes sein«, fragt sich Claus Richter (75). »Wie es heute an einer Tankstelle aussieht, das weiß doch jeder.« Auch seine Frau Ursula (69) lacht »Wer soll sich das bloß anschauen?« An sechs Abenden werden sie mit Kollegen in »Tanke - das Konzept der Zukunft« im Leipziger LOFFT, einer professionellen Spielstätte für freies Theater, auf der Bühne zu sehen sein.

Viele Jahrzehnte lang waren Claus und Ursula Richter für Zapfsäulen und Preismaste verantwortlich, sie kannten sich aus mit Benzin und Bistro. Jetzt genießen beide den Ruhestand. Das sieht bei Stationsleiterin Victoria Becher (25) anders aus. Sie muss Probentermine streng planen und übers Handy auch mal signalisieren, dass sie von ihrer Tankstelle nicht weg kann.

Anstöße und Verwirrung

Dafür hat Regisseur Lukas Bugiel (27) Verständnis. Der gebürtige Mainzer ist der künstlerische Leiter des Theaterkollektivs »Intermedia Orkestra« - ein Zusammenschluss von Musikpädagogen, Germanisten und Theaterwissenschaftlern. Er und die beiden Dramaturgen Martin Stobbe (27) und Theresa Schmidtke (26) hatten die Idee zu diesem Projekt, in dessen Mittelpunkt Akteure stehen, die früher Benzin zapften oder es noch heute tun.

Der Perspektivwechsel vom Tankfeld auf die »Bretter, die die Welt bedeuten« ängstigt etliche der Praktiker, die sonst eher selten ins Theater gehen. Es geht um ernste Themen. Das Theaterstück will erkunden, was sich in den letzten Jahrzehnten rund ums Tanken verändert hat, was geblieben ist oder wiederkommt - und was im Jahr 2030 sein könnte. Es geht um Mobilität und Umwelt, aber auch um philosophische Betrachtungen, was denn eine Tankstelle eigentlich ist. »Wir Theaterleute machen uns so unsere Gedanken, mit denen wir jetzt die Alltagsexperten konfrontieren«, sagt die angehende Theaterwissenschaftlerin Alexandra Hennig (23). »Unsere Überlegungen reiben sich, so entstehen Denkanstöße, vielleicht sogar Verwirrung. Das kann produktiv sein, denn es bedeutet auch ein Weiterdenken.«

Und das ist einer der Gründe, weshalb Winfried Wenske (75) dabei ist. Er bringt eine reiche Lebens- und Berufserfahrung mit, doch auch er hat weniger fertige Antworten als »großes Interesse an den Entwicklungen in Autoindustrie, Verkehr und den damit verbundenen gesellschaftlichen Prozessen. Mich interessiert, was drüber gesprochen wird und wie es weitergeht, wer das alles jetzt in der Hand hat.«

Ursprünglich wollte das Theaterkollektiv eine Lesung auf der Autobahn inszenieren. Dann kam die Erkenntnis, dass Autobahn ohne Tankstelle nicht denkbar ist, schon weil jeder Benzin braucht. Plötzlich rückte die Tankstelle in den Fokus: Der letzte fixe Ort in einer mobilen Welt. Der Tankwart als vielleicht Letzter, der in dieser bewegten Welt an einem festen Ort verharrt. »Übertreibung ist unser Job«, sagt Alexandra Hennig. »Wir sind nicht die klugen Theatermacher, wir kennen die Wahrheit auch nicht, dazu ist die Welt zu komplex. Und ich finde es nicht schlimm, wenn man nicht alles versteht.«

Das Theater soll keine Lehranstalt sein. Die Tankstellenleute treten zwar als Tankwarte auf und spielen sich in verschiedenen Zeiten. Aber es ist ein Spiel mit Fiktion und Witz. Während sich Darsteller und Zuschauer im LOFFT auseinandersetzen, fährt ein Kleinbus mit Peter Wawerzinek von Hannover nach Leipzig. Der preisgekrönte Autor und Schriftsteller verwickelt die Mitfahrer in Gespräche, die ins Theater übertragen werden.

Aber was ändert sich?

Martin Stobbe freut sich über den gelungenen Coup. Sie hatten die Tankstelle nicht gesucht, aber gefunden. »Die hat sich sehr schnell als ein Ort heraus gestellt, der total perfekt auszubauen ist und als Thema noch niemals benutzt wurde.« Theresa Schmidtke ergänzt, dass das Konzept für Leipzig mit der letzten noch existierenden Minol-Tankstelle wichtig sei. »Aber es hat globale Bedeutung. Tankstellen sind sich überall ähnlich.«

Aber was ändert sich? Und was kommt wieder? Künstler und Laien stehen vor dem LOFFT auf der Straße und diskutieren, ob es sie noch gibt, die Orte des Innehaltens mit Vertrautheit zwischen Kunde und Tankwart. Zweifel werden laut. Da mischt sich ein Passant ein: »Euch kenn ich doch! Seid Ihr nicht von der Tankstelle?!«

»Tanke - das Konzept der Zukunft« am 21., 23. und 24. Juni jeweils 18 und 20.30 Uhr im LOFFT, Lindenauer Markt 21, 04177 Leipzig; Karten ab 10 € / erm. 6 €, Info und Reservierung: 0341-355 95510 oder www.lofft.de

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