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Der Baumeister der Filme

Harald Horn gestorben

Wird Filmgeschichte ausgemessen, ist die Rede oft nur von Regisseuren, vielleicht noch von Autoren, die sich ins Gedächtnis der siebten Kunst eingeschrieben haben. Eine Verkürzung, die manche Ungerechtigkeit in sich birgt. Zum Beispiel das Verschwinden anderer künstlerischer Mitarbeiter im Orkus des Vergessens. Dabei ist Kino nicht denkbar ohne die Leistungen der Kamera, der Montage, der Musik, der Filmarchitektur...

Hardald Horn, geboren 1925 im thüringischen Kahla, war solch ein Meister des Szenenbilds. Er schuf nicht nur schlechthin atmosphärische Spiel-Räume, in denen sich die Darsteller entfalten konnten, seine Bauten trugen wesentlich dazu bei, Seelenzustände der handelnden Figuren deutlich werden zu lassen, deren gesellschaftliches Umfeld zu verdichten. Das Film-Dekor als sinnfälliges Zeichen innerer und äußerer Verfasstheit.

Horn hatte Feinmechaniker bei Zeiss gelernt, dann die Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar absolviert. Er war Bühnenbildner am dortigen Nationaltheater, trat 1951 bei der DEFA an, zunächst bei der satirischen Kurzfilmreihe »Das Stacheltier«, der er über viele Jahre und Folgen treu blieb. Das war eine großartige Schule der ökonomischen Möglichkeiten und des Tempos: Jede Woche musste ein neuer Film in die Kinos …

Später baute Horn für Martin Hellberg klassische Adelsgemächer und Bürgerstuben (»Kabale und Liebe«), für Konrad Wolf die abgezirkelten Räume des »Professor Mamlock«, für Joachim Herz die surrealistischen Traumbilder zum »Fliegenden Holländer«, und für Frank Beyer erweckte er die Großbaustelle Schkona (»Spur der Steine«) zu filmischem Leben: die Enge der Baubaracken, in denen Anarchie gedieh, die geduckten Zimmer der Parteibüros, die zukunftsfrohe Weite der mitteldeutschen Industriegegend.

Am liebsten aber arbeitete Harald Horn mit Egon Günther, suchte die Stadt- und Gebirgslandschaften für »Abschied«, verwandelte jeden der Räume in »Der Dritte« zu einem markanten biografischen Spielort. »Die Schlüssel«, »Lotte in Weimar«, »Die Leiden des jungen Werthers«: immer neue Hausforderungen, geistvoll, gediegen, Kino als Begegnungsstätte von Vergangenheit und Gegenwart, Entertainment und Philosophie.

Als Egon Günther 1990, nach langer Abwesenheit, zur DEFA zurückkehrte, um »Stein«, sein Requiem auf das verschwundene Halbland DDR, zu inszenieren, war Harald Horn wieder mit dabei: Da gab es gar keine Frage, kein Zögern. Für Rolf Ludwig, den meisterlichen Akteur, baute er ein verwunschenes Refugium, und er begleitete ihn in die Katakomben der Ewigkeit.

Am 15. Mai ist, wie erst jetzt bekannt wurde, Harald Horn in seinem Heimatort bei Potsdam verstorben.

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