Alles muss raus - die Gläubiger warten auf ihr Geld

Bei Schlecker beginnt der Ausverkauf, für die Beschäftigten geht das Bangen um eine Perspektive weiter

Während die Schlecker-Mitarbeiter vor einer mehr als ungewissen Zukunft stehen, nutzen viele Kunden den am Freitag gestarteten Ausverkauf, um Schnäppchen zu machen.
Karikatur: Christiane Pfohlmann
Karikatur: Christiane Pfohlmann

Sie haben umsonst gekämpft: Für die nach der ersten Kündigungswelle verbliebenen rund 13 000 Beschäftigten der insolventen Drogeriekette Schlecker ist das Ende ihrer Arbeitsstellen besiegelt. Als letzte Amtshandlung durften sie sämtliche Waren mit »Reduziert«-Schildchen versehen. Am Freitag begann in 2800 Filialen bundesweit der Ausverkauf - mit Preisnachlässen von bis zu 50 Prozent. Vielerorts bildeten sich bereits vor Ladenöffnung große Schlangen.

Es ist die letzte Möglichkeit für Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz, aus Sonnencreme, Klopapier, Waschmittel und Babywindeln noch Geld zu machen. Zusammen mit dem Verkauf von Immobilien und möglicherweise weiterer Auslandsgesellschaften soll die Räumung zwischen 500 und 700 Millionen Euro einbringen, sagte Geiwitz. Die Gläubiger, unter ihnen auch die Kinder des Firmengründers, fordern bislang insgesamt rund 665 Millionen Euro. Der größte Einzelbetrag steht gegenüber dem Kreditversicherer Euler Hermes aus, der Lieferungen an Schlecker im Wert von rund 300 Millionen Euro abgesichert hat.

An Euler Hermes hängt auch der Verkauf der Schlecker-Töchter IhrPlatz und Schlecker XL: Nach Informationen des »Handelsblattes« fordert der Versicherer einen höheren Betrag für die Regalwaren der beiden Unternehmen als der Münchener Investor Dubag zu zahlen bereit ist. Der Buchwert der Waren von Schlecker XL und IhrPlatz beträgt laut »Wirtschaftswoche« 130 Millionen Euro. Am Freitag sollte endlich Einigkeit erzielt werden. Die Dubag will IhrPlatz und Schlecker XL unter dem Namen IhrPlatz weiterführen.

Das tschechische und das französische Auslandsgeschäft wurden bereits verkauft; wie es um die Schleckermärkte in Österreich, Spanien, Italien, Luxemburg, Polen und Portugal steht, ist unklar. Die Auslandsgesellschaften sind zwar selbst nicht insolvent, gehören aber dem Schlecker-Gründer, der wegen der Rechtsform als eingetragener Kaufmann mit seinem kompletten Privatvermögen haftet.

Für die Mitarbeiter des Mutterkonzerns steht dagegen fest, dass sie die Kündigungen zum Monatsende erhalten. Die Agentur für Arbeit in Ulm richtete in der Schlecker-Zentrale in Ehingen ein Vermittlungsbüro ein. Allein hier sind über 600 Menschen betroffen. Die Agentur für Arbeit in Sachsen-Anhalt und Thüringen riet den Beschäftigten, sich bereits jetzt arbeitslos zu melden, auch wenn die formale Kündigung noch ausstehe.

Das Thema Transfergesellschaft ist unterdessen noch nicht vom Tisch: Ver.di forderte die Bundesländer mit rot-grüner Regierung auf, regionale Transfergesellschaften zu gründen. Ver.di-Chef Frank Bsirske sagte der »Schweriner Volkszeitung«, er rechne nicht damit, dass der Bund oder die schwarz-gelben Länder grünes Licht dafür geben würden. Mit dem Arbeitslosengeld I kämen die Betroffenen in einer Transfergesellschaft auf 80 Prozent ihres bisherigen Einkommens.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) äußerte sich am Freitag skeptisch gegenüber dem Vorschlag der Bundesregierung, die Schlecker-Beschäftigten zu Erzieherinnen und Altenpflegerinnen umzuschulen. Sozialberufe dürften nicht zum »Auffangbecken« werden, sagte der AWO-Vorsitzende Wolfgang Stadler. Norbert Hocke, Leiter des Vorstandsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, bezeichnete den Plan als »unseriös«, weil er den Eindruck erwecke, »der Beruf der Erzieherin lasse sich mit einer kurzen Umschulung von jedem erlernen«.

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