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Aus den Fugen

White Square Gallery zeigt neue Zeichnungen von Axel Lischke

»Grungy« ist der Slangausdruck für schäbig, dreckig oder schmuddelig, Attribute mit denen viele Berliner ihre Stadt umschreiben, die aber auch unweigerlich an das abgenutzte aber dennoch geflügelte Wort Klaus Wowereits von der armen, aber sexy Stadt oder das bekannte Neuköllner Graffito »Berlin bleibt dreckig!« denken lassen. Die neuen Zeichnungen von Axel Lischke in den Räumen der White Square Gallery lassen sich aber nur bedingt in diesen Kontext stellen. Zwar spielt auch Lischke provozierend-trotzig mit dem Kontrast von abgenutzt/gebraucht, aber dennoch anziehend. Doch scheinen seine großformatig präsentierten Zeichnungen vor allem eins zu sein: Sinnbilder für eine aus den Fugen geratene Welt.

Die Ausstellung versammelt, zum Teil wandfüllend, bunte, explosionsartig wirkende Bilder mit Bleistift, Kugelschreiber, Acryl- und Aquarellfarbe ausgeführt, die dicht gedrängt und bis an den Rand mit farbigen Formationen bedeckt sind. Viele Gebilde entpuppen sich als triviale Gebrauchsgegenstände wie Geschirr, Sofas, Toaster oder Stehlampen. Wer die Arbeiten von Axel Lischke kennt, entdeckt hierin »alte Bekannte« und wohl auch eine Referenz an die Skulpturen des Künstlers. Besonders in die seit den 1990er Jahren entstandenen Objekte wurden reale Alltagsgegenstände oder Möbel transformativ eingearbeitet, etwa in durchsichtiges Latex eingenäht oder in flüssiges Polyester gegossen.

Axel Lischke hat auch die akribisch erstellten Zeichnungen mit einer transparenten, weichen PVC-Folie bedeckt und an den Rändern fein säuberlich eingenäht. Das erhöht den objekthaften Charakter der Bilder. Es unterstreicht aber auch auf einer symbolischen Ebene die Absicht, das Chaos einzudämmen, ihm einen festen Rahmen zu geben und so dem Ausufern der Bilder eine materielle Grenze zu setzen.

Zwischen die wie schwerelos schwebenden, unruhig vibrierenden und sich überlagernden Gegenstände und Farbfelder der Zeichnungen sind - und das ist neu - Buchstaben, einzelne Wörter oder kurze Sätze in die dynamischen Kompositionen eingewoben. Die Entzifferung der ironisch-derben Kommentare in englischer Sprache erschließt sich nicht sofort, sondern nur bei genauerer Betrachtung. Die Besucher der Ausstellung durchlaufen somit unweigerlich ein Wechselbad der Gefühle, wobei schlussendlich die farbenfrohe Unschuld der spielzeughaften Gegenstände durch die Ironie der Kommentare gebrochen wird. Es erscheint naiv, dem reinen Augenschein zu trauen. Die Bedeutung der Bilder ändert sich durch die textlichen Kommentare, die Dinge verlieren ihre Unschuld.

Bis 16.6, White Square Gallery, Mauerstraße 77, Mi.-Sa. 13-18 Uhr, www.whitesquaregallery.com

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