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Stretch-Limo und roter Teppich

Trotz Skandalen lassen Abiturienten ihre Bälle weiterhin von Event-Agenturen planen

(dpa/nd). Ein Jahr nach dem Betrugsskandal um Abibälle in Berlin ist der Wunsch nach organisierten Abschlussfeiern in der Hauptstadt ungebrochen. Perfekter Schulabschluss, Feiern aus der Retorte? Für viele Schüler und ihre Eltern fällt die Antwort eindeutig aus: In Berlin führen bei Abibällen fast nur noch Event-Agenturen Regie, wie eine Umfrage unter Veranstaltern und Schulvertretern ergab. An Insgesamt 167 Schulen erhalten derzeit die Abiturienten ihre Abschlusszeugnisse.

Der Extravaganz sind dabei fast keine Grenzen gesetzt. »Es wird schon immer luxuriöser«, sagte Marlena Schubert von der Agentur Berlin Event, die dieses Jahr für etwa 80 Abibälle verantwortlich ist. Auf Limousinen-Service und Schokobrunnen wollen viele Abiturienten nicht verzichten. Die Abendgarderobe orientiere sich dabei eher an Oscar-Verleihungen als an Schulveranstaltungen in der Aula. »Wie man das aus den Filmen kennt«, bestätigt Schubert die Amerikanisierung der Bälle.

Olaf Marsson, Chef von Berlin Event, geht davon aus, dass höchstens zehn Berliner Schulen bei ihrer Abiturfeier noch selbst Regie führen. Er habe das Gefühl, dass es bei den gestiegenen Ansprüchen auch um Konkurrenzdenken zwischen den Schulen geht: »Wir sind wer!«, wollten die Abiturienten damit sagen, wenn sie aus der Stretch-Limo auf den roten Teppich steigen und sich für das Begrüßungsfoto aufstellen.

Cem Yigit von Hauptstädter Events sieht die Veränderungen weniger im Luxus als vielmehr in einem möglichst guten Preis für ausgelassene Stimmung. So wünschen sich die meisten, dass die Getränke, vor allem Alkohol, pauschal abgerechnet werden. Angeboten werden aber auch Zusatzleistungen, etwa ein Entertainer: »Theoretisch ist alles möglich«, sagte Yigit. Ein Abiball bei Anbietern wie Hauptstädter Events, Berlin Event oder abiservice4you.de kann schon mehrere 10 000 Euro kosten.

Jens Michow, Präsident des Verbandes der Veranstaltungswirtschaft mit Sitz in Hamburg, ist über das Interesse in der Hauptstadt überrascht: »Ich habe von so etwas außerhalb Berlins noch nie gehört.« Aus München oder Hamburg kenne er diesen Trend nicht. Der Verbandspräsident selbst sieht den Komplett-Abiball trotz des Geschäfts für seine Branche mit gemischten Gefühlen und pocht auf die Eigenständigkeit der Schüler: »Ich würde mich freuen, wenn Menschen, die ins Berufsleben eintreten wollen, auch mal was selber machen.«

Allerdings ist in Berlin auch eine gewisse Skepsis gegenüber den Agenturen zu spüren, nachdem 2011 ein Betrugsfall die Branche und die Abijahrgänge erschütterte. Mehr als 40 Schulen aus Berlin und Brandenburg hatten damals bei der Veranstaltungsfirma Easy Abi eine Abschlussfeier gebucht und bezahlt, die niemals ausgerichtet wurde. Mehr als 1000 Schüler wurden um mindestens 600 000 Euro betrogen.

Jonas Botta vom Landesschülerausschuss sieht vor allem die Individualität der Bälle gefährdet. Er selbst halte das Brimborium, das einige Schulen machen, für »leicht übertrieben«. Die persönliche Note einer Schule komme dabei oft viel zu kurz. »Letztlich wird das dann die 08/15-Nummer«.

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