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Totenmesse mit Hoffnung

Das Festival »Voicing Resistance« im Ballhaus Naunynstraße thematisiert den »Arabischen Frühling«

Eine gute Nachricht gibt es: Der Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung ist unausrottbar. Jedenfalls in Ägypten, dem jüngsten Meldungen zufolge wieder stärker in die bleierne Zeit der Restauration taumelnden Land. Fröhlich hält die siebenjährige Nichte des unter dubiosen Umständen zu 25 Jahre Haft verurteilten Sherif Hegazy ihre bereits zum V für »Victory« gespreizten Händchen in die Kamera und ruft mit heller Stimme »Revolution ist Freiheit, Freiheit, Freiheit«. Wenn eine solche Botschaft schon unter den Erstklässlern verbreitet ist, dann wird sich Ägyptens Bevölkerung in den nächsten Dekaden nicht mit billigen Zugeständnissen abspeisen lassen. Das macht Mut - und es macht das Festival »Voicing Resistance«, das mit der dreiteiligen Produktion »No Time for Arts«, in die die Videobotschaft des kleinen Mädchens eingebettet ist, eröffnet wurde, ebenfalls zu einem optimistischen Projekt.

Die kleine Habiba Hegazy ist freilich nur ein Kontrapunkt in einem von Regisseurin Laila Soliman zusammengetragenen Corpus von Zeugenaussagen zu den Repressionsmomenten des ägyptischen Aufstands. Auf einer kargen Bühne, hinter ihrem Rücken eine Projektionswand, sitzen Performer in einer Reihe und tragen eigene Erlebnisberichte und solche von Verwandten und Freunden vor. Einem Schauspielerkollegen, der im Militärgefängnis gefoltert und zu einer öffentlichen Zurschaustellung missbraucht wurde, wird Stimme verliehen. Die nur als nachrichtliche Bildkomposition in unsere Wohnstuben gelangten Demonstranten auf dem legendären Tahrirplatz bekommen Gesichter und Geschichten.

Sherin Hegazy, die Schwester des Inhaftierten, erzählt von einer zynischen Gefangenenentlassung und dem anschließenden Massaker von mit Hubschraubern ausgerüsteten Soldaten über der von nach Hause eilenden Häftlingen blau gefärbten Wüste. Ihr Bruder überlebte knapp. Wer umkam in den Monaten seit Ausbruch der Revolution, dem wird mit einem Brief gedacht; jeder Zuschauer erhält am Ende der Vorstellung einen Brief mit dem Namen eines Toten und den Umständen seines Sterbens und liest den Inhalt laut vor. Die Daten dieser Totenmesse reichen von Januar 2011 bis in den Mai 2012. Das Sterben und Töten hält also an. »No Time for Arts« erzählt keine abgeschlossene Geschichte, sondern ist Performance im Fluss der Zeit.

Verdienst von Regisseurin Laila Soliman ist es, in der dritten Episode den Blick vom spektakulären, aufmerksamkeitsträchtigen und daher in den Nachrichten auf Wiederholungsschleife gestellten Töten auf die Verfasstheit von Repressionsapparaten umgestellt zu haben. Die haben sich auch während der Revolution nur minimal verändert. Ahmed El Gendy berichtet von dem Stumpfsinn des Militärdienstes, den er ausgerechnet von den ersten Tagen der Revolution im Februar 2011 an bis in den März 2012 ableisten musste. Die Gräben, die sich zwischen Armee und Bevölkerung auftun, werden deutlich in der Verständnislosigkeit, mit der die Garnison die Freudenfeuerwerke im nahe gelegenen Ort angesichts der Abdankung Mubaraks verfolgen. »Muss das ausgerechnet während unseres Wehrdienstes passieren? Das gibt bestimmt Ärger«, kolportiert El Gendy den Kommentar seiner Kameraden.

Dass sich im Gefängnis, abgesehen von etwas besserer medizinischer Versorgung, nichts zum Positiven entwickelt hat, schildert Sherin Hegazy. Ihr Bruder erwartet die Berufungsverhandlung seines Falls - sie ist für Mitte Juni 2012 vorgesehen - wieder hinter Gittern. Als Zuschauer bliebe man verstört und hilflos zurück, wenn da nicht die kleine Habiba mit ihrem Ruf nach Freiheit und Revolution wäre. Zuversicht schöpfen mag man auch angesichts der Zeichnungen des ebenfalls aus Kairo stammenden Künstlers Bassem Yousri, mit denen er das Ballhaus innen und außen versieht. Die grimmigen Vertreter der Restauration - Salafisten, Muslimbrüder, Militärs - sind dort zwar als wüste Menschenfresser dargestellt. Sie werden aber auch ironisch als Hinweisschildhalter für den Weg zur Bar und Verbotsapostel gegen Rauchen und Ruhestörung gebraucht.

In den Koordinaten von Empörung, Trauer und Humor bewegen sich auch die anderen Produktionen des Festivals. Die Tanzperformance »Aaleef« etwa verwirbelte die Situation des zeitgenössischen Tanzes in Marokko mit der der sexuellen Freiheit zu einer kraftvollen Selbstbefragung. Die Absolventen des Freedom Theatres Jenin laden in »While Waiting« das Beckett'sche Warten mit den Erfahrungen getöteter Zeit in Krisengebieten auf (15., 16.6.). »Silk Thread« von der libanesischen Zoukak Theatre Company nimmt anhand einer Sage Geschlechterverhältnisse an diesem Kreuzungspunkt von Orient und Okzident auseinander (19., 20.6.).

Dass es sich bei diesen Künstlern und ihren Arbeiten um Theater im Ausnahmezustand handelt, machte die vor wenigen Tagen erfolgte Verhaftung des künstlerischen Leiters des Freedom Theatres durch israelische Militärs deutlich. »Wir haben noch immer keine Nachricht, wohin Nabil Al-Raee gebracht wurde und was ihm vorgeworfen wird.«, erklärt die Kuratorin des Festivals, Irina Szodruch, »nd«. Sie vermittelte aber den Eindruck von Gelassenheit vor Ort. Wochenlange Absenzen wegen Verhaftungen gehören in Krisengebieten zum Alltag. Das Gastspiel von »While Waiting« erfährt eine besondere Aufladung.

Bis 20.6., Ballhaus Naunynstraße

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