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Aus der Kirche auf die Plätze

Beim Leipziger Bachfest gelingt der Spagat zwischen Hoch- und urbaner Alltagskultur

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Blickfeld des diesjährigen Bachfests stehen »800 Jahre Thomana«. Die Organisatoren widerstanden der Versuchung, die wechselvolle Geschichte des 1212 begründeten Chores im Zeitraffer darzustellen. Das Motto - »... ein neues Lied« - ist schlau gewählt, denn »die alte Musik von heute war die neue Musik von früher«, wie es Christoph Wolff, Leiter des Bach-Archivs, bei der Eröffnung formulierte. Obwohl Johann Sebastian Bachs 27 Jahre währende Zeit als Thomas-Kantor die prägendste Epoche des Chores war, dient das Fest keinesfalls in erster Linie musealer Kulturpflege. Es dient dem Verständnis von Bach als Dreh- und Angelpunkt der europäischen Musikgeschichte, als visionärem Tonsetzer und Inspirator.

Die große Stärke des Festes sind die historischen Aufführungsstätten wie Thomas- und die Nikolaikirche sowie die Verwurzelung in der großen und nach wie vor quicklebendigen Musiktradition der Stadt. Neben den Leuchttürmen Thomanerchor und Gewandhausorchester sind hier unzählige starke Vokal- und Instrumentalensembles angesiedelt.

Bereits beim Eröffnungskonzert in der Thomaskirche spannten die von Georg Christoph Biller souverän geführten Thomaner einen großen Bogen. Bachs seinerzeit revolutionärer, im Stil eines dreisätzigen Orchesterwerkes komponierter Motette »Singet dem Herrn ein neues Lied« folgte eine der insgesamt sechs Auftragskompositionen zum 800. Gründungsjahr des Chores. Heinz Werner Zimmermanns Te Deum lässt jedoch inmitten der sauber gesetzten polyphonen Klangteppiche eine klare Linie vermissen.

Eindrucksvoll dagegen Max Regers 1905 entstandene Vertonung des 100. Psalms, wenn auch die für diese Aufführung gewählte Bearbeitung von Paul Hindemith dem Werk ein wenig von seiner monumentalen Wucht nahm.

Bachs zeitlosen Geist konnte man wiederholt auch auf dem Marktplatz erleben. So, als die Big Band des Hessischen Rundfunks ihr Verständnis von Kontrapunktik und Fugensatzkunst in jazzigen Arrangements zelebrierte. Die zahlreichen kostenlosen Veranstaltungen im Herzen der Stadt sind mittlerweile Markenzeichen des Bachfestes. Erstmals wurden einige Konzerte aus den großen Kirchen live auf einer Großbildleinwand übertragen, ein Angebot, das angesichts der nicht für jeden erschwinglichen Eintrittspreise von vielen wahrgenommen wurde.

An Höhepunkten mangelt es dem Fest nicht. Dorothee Mields ist eine Sopranistin, die in ihrem Gesang Klarheit, Kraft und Leichtigkeit vereint. Sie verzauberte ihr Publikum bei einer Aufführung von drei Bach'schen Solokantaten mit strahlend schönen und dabei weitgehend vibratofreien Koloraturen. Begleitet wurde Mields vom Amsterdam Baroque Orchstra (unter Leitung von Ton Koopman), einem bekanntermaßen spielfreudigen und groovigen Ensemble.

Auch »kleine« Konzerte hatten es in sich. So öffnete die Leipziger A-capella-Formation Sjaella die Ohren für zeitgenössische Kirchenmusik. Hinreißend eine Produktion von Studenten der Hochschule für Musik und Theater, die sich unter dem Titel »Blaues Gras und Stoned Guests« dem vermeintlichen Schaffen des fiktiven Bach-Sohns »P.D.Q.« widmete.

Natürlich gibt es bei einer derart umfangreichen Veranstaltungsreihe auch Flops. So verströmte der Valparaiso University Chorale samt seiner Alt-Solistin Maura Janton Cock lediglich eine unangenehme Aura evangelikaler Eiferei. Auch der Auftritt der Ex-Thomaner von den »Prinzen« und dem ensemble amacord hatte wenig mehr als Routine zu bieten. Dem stimmigen Gesamtbild eines sehr gelungenen Bachfestes 2012 kann das aber wenig anhaben.

2013 wird die geistliche Vokalmusik Bachs, werden also die Kantaten, Motetten, Passionen, Messen und Oratorien im Mittelpunkt des Festivals stehen. Aber eigentlich ist in Leipzig ja immer Bachfest. So singen die Thomaner und andere Ensembles regelmäßig freitags, sonnabends und sonntags im Rahmen von Gottesdiensten und liturgischen Vesperkonzerten in den beiden großen Kirchen.

Bis 17. Juni. www.bach-leipzig.de

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